Die Hörakustikbranche steht möglicherweise vor einer historischen Konsolidierung. Der italienische Hörakustikfilialist Amplifon hat eine Vereinbarung zur Übernahme des Hörgerätegeschäfts GN Hearing unterzeichnet. Der Deal bewertet die Sparte des dänischen Konzerns GN Store Nord mit rund 2,3 Milliarden Euro.
Sollte die Transaktion wie geplant umgesetzt werden, entsteht ein vertikal integrierter globaler Anbieter der Audiologie mit einem kombinierten Umsatz von etwa 3,3 Milliarden Euro und Aktivitäten in mehr als 100 Ländern. Der Abschluss der Übernahme wird – vorbehaltlich kartellrechtlicher Genehmigungen und der organisatorischen Ausgliederung von GN Hearing aus dem GN-Konzern – bis Ende 2026 erwartet.
Milliarden-Transaktion mit Aktien- und Baranteil
Der Kaufpreis setzt sich aus 1,69 Milliarden Euro in bar sowie 56 Millionen Amplifon-Aktien zusammen. Dadurch wird GN Store Nord nach Abschluss der Transaktion mit etwa 16 Prozent Anteil zum zweitgrößten Aktionär von Amplifon. Die Barkomponente soll zunächst über einen Brückenkredit finanziert werden. Langfristig plant Amplifon eine Refinanzierung über eine Kombination aus Fremd- und Eigenkapital, möglicherweise ergänzt durch eigenkapitalähnliche Instrumente.
Nach Vollzug der Transaktion erwartet das Unternehmen eine Nettofinanzverschuldung von rund dem Dreifachen des bereinigten EBITDA.
Vom Filialisten zum integrierten Audiologie-Konzern
Strategisch bedeutet der Schritt für Amplifon eine grundlegende Veränderung des Geschäftsmodells. Bislang konzentrierte sich das Unternehmen vor allem auf Hörakustik-Filialen und audiologische Dienstleistungen. Mit der Übernahme würde Amplifon erstmals direkt in die Entwicklung und Produktion von Hörgeräten einsteigen.
Das kombinierte Unternehmen würde laut den veröffentlichten Zahlen verfügen über:
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rund 3,3 Milliarden Euro Umsatz
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etwa 830 Millionen Euro bereinigtes EBITDA
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mehr als 20.000 Beschäftigte
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über 700 Mitarbeitende in Forschung und Entwicklung
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mehr als 2.800 Patente
Damit entstünde ein Konzern, der Technologieentwicklung, Produktion und Vertrieb stärker unter einem Dach vereint als bisher.
Synergien vor allem durch Eigenfertigung
Amplifon rechnet mit EBITDA-Synergien von 60 bis 80 Millionen Euro jährlich, die bis 2029 vollständig realisiert werden sollen. Der Großteil dieser Effekte soll aus der Eigenproduktion von Hörgeräten für das Amplifon-Filialnetz entstehen. Heute bezieht das Unternehmen seine Geräte überwiegend von externen Herstellern. Für Integration und Umsetzung werden einmalige Kosten von etwa 80 Millionen Euro erwartet.
GN Hearing: etablierter Hersteller mit globaler Präsenz
GN Hearing mit Sitz im dänischen Ballerup zählt zu den internationalen Hörgeräteherstellern. Das Unternehmen entwickelt und produziert Hörsysteme und vertreibt diese weltweit überwiegend über B2B-Kanäle.
Zum Markenportfolio gehören unter anderem:
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ReSound – medizinische Premium-Hörgeräte
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Beltone – vor allem im nordamerikanischen Retail-Markt aktiv
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Interton und Danavox – regional ausgerichtete Marken
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Jabra – unter anderem für OTC-Hörlösungen
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Danalogic – Beratungs- und Datenlösungen für Hörakustikbetriebe
Die Produktion erfolgt an Standorten in Dänemark, China, Malaysia und den USA.
Im Geschäftsjahr 2025 erzielte GN Hearing:
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Umsatz: rund 7,2 Milliarden Dänische Kronen (ca. 1 Milliarde Euro)
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Bereinigtes EBITDA: etwa 1,6 Milliarden Kronen (ca. 220 Millionen Euro)
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EBITDA-Marge: rund 23 Prozent
Regional verteilt sich der Umsatz auf 49 % Amerika, 28 % Europa und 23 % übrige Märkte.
Markttrend: steigende Nachfrage nach Hörlösungen
Der geplante Zusammenschluss erfolgt in einem Markt mit langfristig steigender Nachfrage. Gründe dafür sind unter anderem:
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alternde Bevölkerungen in vielen Industrieländern
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technologische Fortschritte bei Hörsystemen
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zunehmende Akzeptanz und Digitalisierung der Hörversorgung
Amplifon argumentiert, dass die Kombination aus klinischer Expertise, Patientendaten und Produktentwicklung künftig schnellere Innovationszyklen ermöglichen könnte.
Offene Fragen für die Branche
Für die Hörakustikbranche könnte der Deal weitreichende Folgen haben.
Ein vertikal integrierter Anbieter dieser Größe könnte:
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Lieferketten verändern,
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den Wettbewerb unter Herstellern verschieben
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und die Verhandlungsmacht gegenüber unabhängigen Hörakustikern beeinflussen.
Ob und wie stark sich diese Effekte tatsächlich zeigen, hängt jedoch nicht zuletzt von den kartellrechtlichen Prüfungen und der Integration der Unternehmen ab.