Der Gründer erklärt sein Modell in einem Satz, der mehr enthüllt, als er beabsichtigt: „Technisch verkaufen wir Hörgeräte“, sagt Marco Vietor. Das Besondere: Kundenakquise läuft ausschließlich online, die Konversion über telefonische Beratung — und für den eigentlichen Vertrieb arbeitet audibene mit stationären Akustikunternehmen zusammen. Was sich harmlos anhört, ist eine strukturelle Neuverdrahtung einer ganzen Branche.
Vom Berliner Laptop zur globalen Plattform
audibene wurde im Mai 2012 von Dr. Marco Vietor und Paul Crusius in Berlin gegründet. Die Ausgangslage war simpel: Eine alternde Bevölkerung mit Hörverlust, ein fragmentierter Fachhandel von rund 5.000 Akustikern in Deutschland, die sich schwertaten, die „Silver Surfer“ im Netz zu erreichen.
Die Lösung von audibene war kein Hörgerät und keine Klinik. Es war eine Plattform: Leads online generieren, Kunden telefonisch konvertieren, die physische Anpassung an Partnerakustiker delegieren. In den ersten anderthalb Jahren reisten die Gründer durch ganz Deutschland, um passende Akustiker zu finden — und starteten mit einem Netzwerk von 150 Hörgerätespezialisten.
Das Wachstum verlief steil. Aus Umsätzen von 21 Millionen Euro und 34 Millionen Euro in den Geschäftsjahren 2015/16 und 2016/17 wurden später 150 Millionen Euro. Im Geschäftsjahr 2023 überschritt audibene die Marke von 200 Millionen Euro Umsatz — mit dem erklärten Ziel, diesen Wert in den nächsten zwei bis drei Jahren zu verdoppeln.
Das Geschäftsmodell — und was es für Partner bedeutet
audibene ist keine Akustikerkette im klassischen Sinne. Das Unternehmen funktioniert als Vermittlungsplattform: Kunden melden sich online oder telefonisch an, beantworten Fragen zu ihrem Hörverlust und bekommen dann einen Partnerakustiker in ihrer Nähe zugewiesen.
Bei der Erstversorgung ist audibene Lieferant der Geräte und rechnet direkt mit den Krankenkassen und Kunden ab. Verkäufer der Hörgeräte ist daher audibene — nicht der Partnerakustiker. Dieser ist „ausführendes Organ, Hörberater, Anpasser sowie technischer Servicedienstleister“ für die vermittelten Kunden.
Die Machtverschiebung ist eindeutig: Der Umsatz für die im Laden verkauften Hörgeräte geht nicht an die Akustiker, sondern an audibene. Der Akustiker erhält lediglich eine Provision — die Gewinnmarge reduziert sich im Vergleich zu eigens akquirierten Kunden enorm.
Gleichzeitig bietet audibene den Partnerakustikern etwas, das sie alleine kaum erreichen: Das Unternehmen zieht täglich über 85.000 Besucher auf seine Website und gilt als das größte Online-Portal der Branche. Für kleine Akustikbetriebe ohne Marketingbudget ist das ein reales Argument.
Der Eigentümer im Hintergrund — und warum das zählt
Im März 2015 übernahm der Hörgerätehersteller Sivantos alle Anteile an audibene. Sivantos war seinerseits kurz zuvor entstanden, als die Siemens AG ihre Hörgerätesparte für rund 2,15 Milliarden Euro an EQT und die Santo Holding GmbH (Strüngmann-Familie) verkauft hatte. 2019 fusionierte Sivantos mit dem dänischen Hersteller Widex zu WS Audiology — und audibene wurde Teil eines Konzerns, der heute rund 2,63 Milliarden Euro Umsatz macht und etwa 12.600 Mitarbeiter beschäftigt.
WS Audiology befindet sich in Privatbesitz: Die Mehrheit halten die Familien Tøpholm und Westermann sowie die Lundbeck Foundation mit gemeinsam 51 Prozent, die restlichen 49 Prozent entfallen auf EQT und — seit April 2025 — den deutschen Gesundheits-Familiy-Office ATHOS KG. Die Marken des Konzerns: Signia, Widex, Rexton, Audio Service — und audibene.
Damit entsteht eine Konstruktion, die für unabhängige Akustiker und für Wettbewerber strukturell relevant ist: Hinter den audibene-Privatmarken verbirgt sich stets ein Originalgerät von Signia. audibene präsentiert sich als unabhängiges Beratungsportal für alle Marken — ist aber strukturell dem gleichen Konzern zugeordnet wie einer der Hersteller, dessen Geräte es empfiehlt.
In 2023 zog die audibene/hear.com-Website 150 Millionen Web-Besuche an. Eine unabhängige Vergleichsplattform mit dieser Reichweite, die gleichzeitig Vertriebsarm eines Geräteherstellers ist — das ist kein Normalfall im Gesundheitssektor.
Die USA als eigentlicher Wachstumsmotor
In Deutschland ist audibene mit Abstand die Nummer 1 im Online-Segment und die Nummer 4 im Vergleich mit traditionellen Anbietern. Doch das Heimatmarkt-Bild täuscht über die eigentlichen Ambitionen hinweg.
Mehr als 60 Prozent der Umsätze erzielt audibene inzwischen im Ausland. Wachstumstreiber ist die Skalierung der Marketingaktivitäten in acht Märkten — speziell den USA. In Europa firmiert das Unternehmen als audibene, in Nordamerika und Asien als hear.com. hear.com betreibt in den USA ein Netzwerk von über 2.000 lizenzierten Partnerakustikern.
Der US-Markt ist attraktiv aus einem konkreten Grund: geringere Kassenzuschüsse als in Deutschland, höhere Durchschnittspreise, weniger etablierter stationärer Fachhandel. Nach Unternehmensangaben aus dem Jahr 2019 lag der durchschnittliche Verkaufspreis bei rund 2.800 Euro pro Gerät.
Das strukturelle Spannungsfeld
Was audibene über mehr als zehn Jahre aufgebaut hat, folgt einer Logik, die aus dem Plattformgeschäft bekannt ist: Kontrolle des Kundenzugangs, Delegation der Servicearbeit, Monetarisierung der Nachfrage. Google macht das mit Suchtraffic, Amazon mit dem Marketplace, audibene mit Hörverlusten.
Für unabhängige Akustiker bedeutet das einen handfesten Interessenkonflikt: Wer audibene-Partner wird, bekommt Kunden — verliert aber Preishoheit, Markenkontrolle und die direkte Kundenbeziehung in der Erstversorgung. Wer nicht mitmacht, kämpft gegen einen Wettbewerber, der gleichzeitig sein eigener Lieferant ist, denn WS Audiology ist für die meisten Akustikbetriebe ein zentraler Gerätehersteller.
Die Richtung der Branche ist dabei eindeutig. Demant übernimmt im Juni 2025 die deutsche KIND Group und gewinnt damit direkten Zugang zum Fachhandel. Noch größer ist der Schritt von Amplifon: Der weltweit größte Hörakustik-Filialist hat am 20. März 2026 die Übernahme von GN Hearing von GN Store Nord für 2,3 Milliarden Euro angekündigt. Amplifon besaß bisher keine eigene Produktion — mit GN Hearing kauft sich der Konzern nicht nur Marken, sondern auch Patente und Zugang zu KI-gestützten Hörlösungen sowie OTC-Geräten. Das Portfolio umfasst ReSound, Beltone, Jabra Enhance und weitere Marken.
Was sich dahinter verbirgt
Das Modell von audibene ist eine Antwort auf ein echtes Problem: Ältere Menschen mit Hörverlust finden im Netz kaum valide Informationen, der stationäre Fachhandel war jahrelang nicht in der Lage, diese Zielgruppe digital zu erreichen. Die Berliner Plattform hat diese Lücke geschlossen — und dabei eine Marktstruktur geschaffen, die ihren Gründern und Eigentümern nützt.
Beim Effie Germany 2025 gewann audibene einen Bronze-Effie für die Kampagne „So hören, wie Sie wollen“ in der Kategorie „David versus Goliath“. Die Ironie ist auffällig: David kämpft hier gegen eine Branche, deren Hersteller gleichzeitig David gehört.
Hersteller und Filialisten wachsen enger zusammen, Grenzen zwischen Wholesale und Retail verschwimmen zunehmend — das ist kein audibene-Phänomen, das ist Branchenlogik. audibene hat diesen Weg 2015 als erstes konsequent beschritten. Zehn Jahre später folgen die Großen nach.
Für die Hörakustik bedeutet das konkret: Wer Kunden gewinnen will, braucht entweder die Reichweite von audibene — oder er muss eigene digitale Kapazitäten aufbauen, die dem Platzhirschen standhalten. Beides ist teuer. Das zweite ist strukturell schwieriger.
Das Gewinnerprinzip der Plattformökonomie gilt hier wie überall: Wer die Nachfrage organisiert, bestimmt die Bedingungen.