Bluetooth-Auracast war lange ein Versprechen für übermorgen. 2026 ändert sich das spürbar: Immer mehr Hersteller schalten die Funktion frei, immer mehr öffentliche Orte statten sich mit der Technik aus. Nur WS Audiology hält sich dabei auffällig zurück – obwohl die eigene Technik längst bereitsteht. Was steckt dahinter, und wie lange soll das noch so bleiben?
GN mit ReSound, Demant mit Oticon, Sonova mit Phonak und Starkey bauen inzwischen Hörsysteme, die Auracast-Broadcasts tatsächlich empfangen. Nur WS Audiology (WSA) tritt bei seinen Marken Signia, Widex und Rexton auf die Bremse: Die Hardware steht bei den neuesten Geräten teilweise schon bereit, die volle Funktion schaltet der Konzern aber erst per Software frei. WSA begründet das mit der wachsenden Verbreitung von Auracast und dem eigenen Anspruch an ein zuverlässiges Nutzererlebnis.
Aus einem Bluetooth-Feature wird Hörinfrastruktur
Auracast basiert auf Bluetooth LE Audio: Ein Sender überträgt Audiosignale gleichzeitig an zahlreiche kompatible Empfänger. Für Menschen mit Hörverlust ist vor allem der Einsatz als neues Assistive-Listening-System interessant. Auracast überträgt Ansagen an Flughäfen, den Fernsehton im Fitnessstudio, Veranstaltungen, Gottesdienste oder mehrsprachige Konferenzen direkt auf Hörgeräte.
Noch ist diese Infrastruktur nicht flächendeckend. Sie wächst aber sichtbar. Die Bluetooth SIG dokumentiert inzwischen Installationen in Theatern, Kirchen, Hochschulen und Stadien. Auch in Deutschland gibt es Beispiele: das Camera Zwo in Saarbrücken etwa, der Frankfurter Flughafen, dazu Hörakustikbetriebe, die Auracast bereits praktisch einsetzen. Laut Bluetooth SIG kommen monatlich weitere öffentliche Installationen hinzu.
Solange kaum Sender existierten, konnten Hersteller Auracast als Zukunftsoption behandeln. 2026 wird daraus zunehmend eine Funktion, die Kunden tatsächlich ausprobieren können.
Die Wettbewerber haben Auracast inzwischen freigeschaltet
GN gehört zu den frühen Vorreitern. Die neue ReSound-Sensia-Familie kam im August 2026 auf einer neuen KI-Plattform auf den Markt und unterstützt Bluetooth LE Audio sowie Auracast Broadcast Audio. Bereits Anfang des Jahres brachte GN Auracast zudem bis in die günstigere ReSound-Savi-Familie.
Demant zieht mit seiner neuen Generation nach. Das im August 2026 vorgestellte Oticon Reveal unterstützt Bluetooth LE Audio einschließlich Auracast Broadcast Audio. Als Einsatzfelder nennt Oticon unter anderem öffentliche Ansagen, Fitnessstudios und Museen.
Besonders deutlich ist der Strategiewechsel bei Sonova. Phonak hatte bei den früheren Infinio-Geräten noch von „Auracast ready“ gesprochen. Mit der neuen Phonak-EON-Plattform ist Auracast jetzt aktiviert: Nutzer wählen Broadcasts über den Auracast Assistant eines Android-Geräts oder per QR-Code-Scanner in der myPhonak-App aus.
Bei Starkey funktioniert Auracast ebenfalls schon heute. Im Januar 2026 erweiterte das Unternehmen Omega AI um einen eigenen Auracast Assistant. Nutzer wählen darüber in der My-Starkey-App Broadcasts aus, die sich direkt auf Omega-AI- und Edge-AI-Hörgeräte übertragen.
Signia MaX zeigt den Unterschied besonders deutlich
Bei WS Audiology sieht die Situation anders aus. Signia stellte am 24. August 2026 seine neue MaX-Plattform vor. Das erste Gerät, das Pure Charge&Go MaX, bündelt mit OneConnect Bluetooth Classic, LE Audio und Telefonspule und bringt auch die technischen Voraussetzungen für Auracast mit. Zum Marktstart funktioniert Auracast aber noch nicht vollständig.
WSA nennt in einer Fußnote zur Markteinführung einen konkreten Termin: Der Konzern will die vollständige Auracast-Funktion spätestens im März 2027 per Firmware-Update freischalten. Damit ist ausgerechnet Signias neueste Plattform zunächst nur Auracast-ready, während die jüngsten Plattformen wichtiger Wettbewerber bereits Broadcasts empfangen können.
Ähnlich sieht es bei den anderen WSA-Marken aus. Widex führte die Allure-Plattform 2025 mit dem W1-Chip ein und erweiterte sie 2026 um Allure AI; sie bietet Bluetooth LE Audio. Widex erklärt jedoch ausdrücklich, dass es die eigene Auracast-Lösung aus Firmware und App-Updates noch nicht offiziell veröffentlicht hat. Der Empfang über kompatible Android-Geräte kann schon funktionieren, für Audioqualität und Nutzerführung garantiert Widex aber nicht.
Auch Rexton nennt sein Reach R Plus „Auracast ready“. Ein künftiges Firmware-Update soll die Funktion freischalten.
WSA nennt dafür einen konkreten Grund
Eine zentrale Konzernmitteilung mit dem Titel „Warum wir mit Auracast warten“ gibt es nicht. Die offiziellen Aussagen der WSA-Marken ergeben jedoch ein konsistentes Bild.
Signia erklärt, dass Auracast zusätzliche Hardware- und Softwarevoraussetzungen benötige und das Unternehmen Verbreitung und Kompatibilität vor allem in der öffentlichen Infrastruktur beobachte. Sobald Auracast breiter integriert sei, wolle man entsprechend reagieren.
Rexton formuliert das Ziel noch konkreter: Das Firmware-Update solle erst erscheinen, wenn man „optimal specifications for a smooth experience“ sicherstellen könne.
Die Einordnung: WSA lehnt Auracast nicht ab und hat die Technologie bei seinen neuesten Produkten technisch bereits eingeplant. Der Konzern verfolgt aber einen konservativeren Rollout als GN, Demant, Sonova und Starkey: erst Hardware und LE-Audio-Basis schaffen, dann die Entwicklung von Endgeräten und öffentlicher Infrastruktur beobachten, erst danach Auracast softwareseitig freigeben.
Aus Vorsicht könnte Wettbewerbsdruck werden
Für Hörakustiker entsteht daraus 2026 ein zunehmend sichtbarer Unterschied in der Beratung. Bei ReSound Sensia, Oticon Reveal, Phonak EON oder Starkey Omega AI können sie Auracast bereits als heute nutzbare Funktion erklären. Bei aktuellen WSA-Produkten müssen sie dagegen teilweise zwischen „Auracast-ready“ und tatsächlich aktiviertem Auracast unterscheiden.
Wie groß dieser Abstand praktisch wird, hängt vor allem vom Tempo des Infrastruktur-Rollouts ab. Steigt die Zahl kompatibler Fernseher, Smartphones und öffentlicher Auracast-Sender weiter, gewinnt die sofortige Nutzbarkeit an Gewicht. WSA hat mit den angekündigten Firmware-Updates aber bereits einen klaren Weg vorgegeben: Spätestens mit der Auracast-Aktivierung von Signia MaX im März 2027 dürfte sich die Lücke deutlich verkleinern.