An der Medizinische Universität Innsbruck entsteht eine neue Forschungsstruktur für die Zukunft der Hörmedizin: Das Innsbrucker Unternehmen MED-EL finanziert für fünf Jahre eine Stiftungsprofessur für Experimentelle Audiologie. Seit dem 1. Februar 2026 hat der Physiker und Audiologe Philipp Zelger diese Position inne.
Ziel der Zusammenarbeit: Die Anpassung von Cochlea-Implantaten schneller und präziser zu machen. Ein erstes Forschungsprojekt untersucht die sogenannte „Early Activation“ – also das frühere Einschalten eines Implantats nach der Operation. Dabei sollen auch Methoden der Künstlichen Intelligenz eingesetzt werden.
Industrie und Universität bauen Forschung aus
Das weltweit tätige Medizintechnikunternehmen MED-EL gilt als einer der führenden Entwickler von implantierbaren Hörsystemen und Cochlea-Implantaten. Mit der Stiftungsprofessur vertieft das Unternehmen seine seit Jahren bestehende Zusammenarbeit mit der Universität.
MED-EL-Mitgründerin Ingeborg Hochmair betont die Bedeutung der neuen Personalie: Mit Zelger habe man einen „visionären Physiker und Audiologen“ gewonnen, mit dem bereits mehrere Forschungsprojekte erfolgreich umgesetzt worden seien.
Auch der Rektor der Medizinischen Universität Innsbruck, Gert Mayer, sieht in der Kooperation einen wichtigen Schritt: Innovationen entstünden häufig dort, wo klinische Forschung und Industrie eng zusammenarbeiten.
Die Professur ist an der Universitätsklinik für Hör-, Stimm- und Sprachstörungen angesiedelt, die von Simone Graf geleitet wird. Dort werden jährlich rund 5.000 Patientinnen und Patienten mit Hörstörungen betreut.
Hörverlust wird zum globalen Gesundheitsproblem
Die Bedeutung audiologischer Forschung wächst. Nach Prognosen der World Health Organization könnten bis 2050 rund 2,5 Milliarden Menschen weltweit von Hörstörungen betroffen sein – fast jeder vierte Mensch.
Hörverlust ist dabei nicht nur ein Problem älterer Menschen. Auch Kinder mit angeborener Gehörlosigkeit sind betroffen. Frühe Diagnose und Behandlung gelten als entscheidend, um Sprachentwicklung und soziale Teilhabe zu ermöglichen.
Graf verweist zudem auf medizinische Zusammenhänge: Unbehandelter Hörverlust erhöht nach Studien das Risiko für kognitive Einschränkungen und Demenz.
Zeitkritische Versorgung mit Cochlea-Implantaten
Für viele Betroffene sind Cochlea-Implantate eine zentrale Therapieoption. Gerade bei Kindern entscheidet der Zeitpunkt der Versorgung über den späteren Hör- und Spracherfolg.
In Innsbruck werden Implantate bereits ab dem zehnten Lebensmonat eingesetzt. Zelger beschreibt die Herausforderung so:
Je länger ein Kind nichts hört, desto schwieriger wird es, Hören und Sprechen zu erlernen.
Auch bei Erwachsenen spielt Zeit eine Rolle – etwa nach plötzlichem einseitigem Hörverlust oder Hörsturz.
Bisher: Wochenlanges Warten nach der Operation
Nach einer Implantation bleibt das Gerät üblicherweise zunächst ausgeschaltet. In Innsbruck wird ein Cochlea-Implantat erst vier bis sechs Wochen nach der Operation aktiviert.
Für Erwachsene bedeutet das eine verlängerte Phase der Stille. Für Säuglinge verstreicht in dieser Zeit wertvolle Entwicklungszeit.
Erst nach dem Einschalten beginnen die aufwendigen Anpassungssitzungen mit Audiologinnen und Audiologen. Ein Cochlea-Implantat verfügt über mehrere Elektrodenkanäle, die individuell eingestellt werden müssen, damit Sprache möglichst klar wahrgenommen wird.
Early Activation: Aktivierung direkt nach der OP
Genau hier setzt das neue Forschungsprojekt an. Studien deuten darauf hin, dass eine frühere Aktivierung des Implantats sogar die Heilung unterstützen könnte.
Zelger und sein Team wollen dazu mehrere Messmethoden kombinieren:
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Messung der Hörnerv-Reaktion über die Implantat-Elektrode
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Beobachtung des Stapedius-Reflexes, der bei zu lauten Signalen ausgelöst wird
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erste Anpassungen bereits während der Operation
Langfristig könnte dies bedeuten: Patientinnen und Patienten nutzen ihr Cochlea-Implantat schon am Tag nach dem Eingriff.
Künstliche Intelligenz soll Einstellungen berechnen
Eine besondere Rolle spielt dabei Künstliche Intelligenz. Während einer Operation befinden sich Patientinnen und Patienten unter Narkose – und hören daher anders als im Wachzustand.
KI-Algorithmen sollen künftig Messwerte aus der Operation analysieren und auf den Hörzustand im Wachzustand hochrechnen. Ziel ist eine möglichst präzise Ersteinstellung des Implantats.
Das Feintuning bleibt dennoch Aufgabe der Audiologie: Die endgültige Anpassung erfolgt weiterhin in mehreren Sitzungen mit Hörtraining und Sprachtherapie.
Kurz gesagt:
Mit der neuen Professur wollen Forschung und Industrie untersuchen, ob Cochlea-Implantate deutlich früher aktiviert werden können – möglicherweise bereits am Tag nach der Operation. Sollte sich der Ansatz bewähren, könnte das Rehabilitation und Spracherwerb deutlich beschleunigen.