Eine neue Studie aus Magdeburg und Oldenburg zeigt: CI-Trägerinnen und -Träger können emotionale Sprachmelodie nur eingeschränkt deuten. Menschen mit einseitiger Ertaubung schneiden dabei deutlich besser ab als beidseitig Versorgte.
Ein Forschungsteam um Friederike Issing (Universität Würzburg), Markus Meis (Hörzentrum Oldenburg) und Beate Stadler (Universitätsklinik Magdeburg) hat untersucht, wie gut Cochlea-Implantat-Nutzende emotionale Prosodie – also den Gefühlsausdruck in der Stimme – erkennen können. Die Arbeit wurde bei der 27. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Audiologie im März 2025 in Göttingen vorgestellt und nun in der GMS Zeitschrift für Audiologie veröffentlicht.
Warum Tonfall mehr ist als Beiwerk
Sprache besteht nicht nur aus Wörtern. Der Tonfall, die Betonung, die Melodie einer Aussage transportieren oft die eigentliche Botschaft. Ob jemand traurig, wütend oder erfreut spricht, entscheidet sich meist über diese prosodischen Merkmale – nicht über den Inhalt des Gesagten.
Für CI-Trägerinnen und -Träger ist genau das schwierig. Sie erhalten akustische Information nicht analog, sondern über elektrische Stimulation des Hörnervs. Feine tonale und klangfarbliche Nuancen, wie sie für Emotionsausdruck typisch sind, gehen dabei häufig verloren. Bislang habe es dazu jedoch kaum Forschung gegeben, so das Team – der bisherige Versorgungsfokus habe fast ausschließlich auf dem reinen Sprachverstehen gelegen.
Zwei Studien, ein gemeinsames Ziel
Die Forschenden kombinierten zwei Untersuchungsansätze. Im ersten Teil kam der Test of Emotional Prosody Perception (TEPP) zum Einsatz, eine standardisierte Hörprüfung unter Laborbedingungen. Getestet wurden bislang 181 postlingual ertaubte CI-Nutzende im Alter von 20 bis 92 Jahren, 90 Frauen und 91 Männer, insgesamt 191 CI-Ohren. Die Teilnehmenden nutzten Prozessoren der Hersteller Cochlear (84) und MED-EL (97).
Über einen Touchscreen ordneten die Probandinnen und Probanden akustische Stimuli aus dem Sprachkorpus WaSeP sechs möglichen Gefühlsausdrücken zu: Freude, Trauer, Wut, Angst, Ekel und neutral. Das Material stammt von zwei professionellen Sprechern und wurde bereits an normalhörenden Personen validiert, bei denen die Trefferquote über alle Emotionen hinweg bei über 70 Prozent lag.
Der zweite Studienteil nutzte den Fragebogen EMO-CHeQ (Emotional Communication in Hearing Questionnaire) in deutscher Übersetzung. Er erfasst, wie stark sich Betroffene im Alltag durch Schwierigkeiten beim Erkennen emotionaler Sprache beeinträchtigt fühlen. 163 Teilnehmende aus der ersten Stichprobe füllten den 16 Items umfassenden Bogen aus.
Trefferquote deutlich über Zufall – aber mit großer Spannbreite
Die Ergebnisse des TEPP zeigen eine mittlere Trefferquote von 37 Prozent bei einem Zufallsniveau von 16,67 Prozent. CI-Nutzende liegen damit klar über dem Zufall, aber weit unter der Leistung Normalhörender. Die Streuung war groß: Die Trefferquote reichte von 8,3 bis 83,3 Prozent, bei elf getesteten Ohren lag sie sogar unterhalb der Zufallsschwelle.
Auffällig war, welche Emotionen besonders gut oder schlecht erkannt wurden. Neutral, Wut und Trauer ließen sich am zuverlässigsten zuordnen. Ekel und Freude wurden nur zu rund 30 Prozent korrekt erkannt, Angst sogar nur zu etwa 22 Prozent. Die Verwechslungsmatrix zeigte zudem typische Muster: „Freude“ wurde häufig mit „neutral“ verwechselt, „Angst“ sowohl mit „Wut“ als auch mit „neutral“.
Einseitig Ertaubte kommen besser zurecht
Der Fragebogen EMO-CHeQ bestätigte für die deutsche CI-Version dieselbe vierfaktorielle Struktur wie die englischsprachige Originalversion: die Faktoren „Sozio-emotionales Wohlbefinden“, „Sprecher“, „Produktion“ und „Situation“, zusammen mit 78,7 Prozent erklärter Varianz. Am belastendsten empfanden die Teilnehmenden den Faktor „Situation“ – also das Erkennen von Emotionen in lauter oder konkurrierender Sprechumgebung.
Beim Vergleich der Versorgungsarten zeigte sich ein signifikanter Unterschied: Menschen mit einseitiger Ertaubung und CI (Single Sided Deafness, SSD, n=45) berichteten den geringsten Handicap-Wert (M=2,26), gefolgt von bilateral versorgten CI-Nutzenden (BiCI, n=22) mit M=2,52. Am stärksten beeinträchtigt fühlten sich bimodal Versorgte, also Personen mit Hörgerät auf dem einen und CI auf dem anderen Ohr (n=83), mit einem Mittelwert von 2,79. Auch das Alter spielte eine Rolle: Je älter die Teilnehmenden, desto größer die berichtete Beeinträchtigung. Auf Subskalenebene fiel der Unterschied vor allem beim Faktor „Situation“ ins Gewicht – bimodal Versorgte berichteten dort einen um rund eine Skaleneinheit höheren Handicap-Wert als SSD-Patientinnen und -Patienten.
Was die Daten offenlassen
Die Autorinnen und Autoren weisen selbst auf Grenzen ihrer Auswertung hin. Für Störvariablen wie unterschiedliche Signalverarbeitungszeiten zwischen den Ohren konnte nicht kontrolliert werden. Auch beim TEPP steht eine Auswertung nach Versorgungsart noch aus, da bislang nur einzelne Ohren getestet wurden – trotz Vertäubung des Gegenohrs könnte dieses die Stimuli mitgehört haben. Eine qualitative Analyse der Verwechslungsmuster, die klären soll, welche akustischen Parameter bestimmte Emotionen besonders schwer erkennbar machen, ist ebenfalls noch offen.
Ausblick
Als nächste Schritte plant das Team, TEPP-Ergebnisse und EMO-CHeQ-Werte direkt zu korrelieren sowie beide Verfahren beidohrig im Freifeld zu erheben. Zudem sollen Vorher-Nachher-Vergleiche zeigen, wie sich die Wahrnehmung emotionaler Prosodie im Verlauf einer CI-Versorgung entwickelt – und ob sich daraus gezielte Trainingsempfehlungen für die Hörrehabilitation ableiten lassen. Für die Praxis in der Hörakustik liefert die Studie schon jetzt einen Hinweis: Das reine Sprachverstehen allein bildet die Versorgungsqualität nicht vollständig ab. Die Fähigkeit, Emotionen in der Stimme zu erkennen, verdient eigenständige Aufmerksamkeit – gerade weil sie zwischen Versorgungsformen erkennbar variiert.