Wer ein Hörgerät oder einen Gehörschutz maßanfertigen lässt, kennt die klassische Methode: Der Hörakustiker füllt den Gehörgang mit Silikonmasse, wartet, bis sie aushärtet, und zieht den Abdruck heraus. Neuere Geräte, sogenannte Handscanner, sollen das ersetzen: Sie tasten den Gehörgang optisch ab und erzeugen ein digitales 3D-Modell, ganz ohne Abdruckmasse im Ohr.
Eine Studie der Hochschule Aalen hat jetzt genauer hingeschaut, welche der beiden Methoden das Ohr präziser abbildet.
Das Ergebnis: Beide liegen nah beieinander, der Scanner schneidet nur leicht besser ab. Verfasst haben die Arbeit Henrik Holger Mallwitz, Vitalij Joukov, Joachim Albrecht und Steffen Kreikemeier vom Center of Excellence in Audiology und dem Forschungsinstitut FINO der Hochschule.
Wie die Forscher getestet haben
Damit sie überhaupt vergleichen konnten, brauchten die Forscher ein Ohr, dessen tatsächliche Form sie genau kannten. Also druckten sie zwei künstliche Gehörgänge im 3D-Drucker: einen mit geraden, kantigen Wänden und einen, der wie ein echter Gehörgang gekrümmt verläuft.
Fünf Testpersonen nahmen beide Modelle unter die Lupe. Pro Material fertigten sie jeweils drei klassische Silikonabdrücke an, mit den Produkten egger A/soft und pro3dure otosil IS-2, macht sechs Abdrücke pro Person. Dazu kamen drei digitale Scans mit dem Handscanner Natus Otoscan (Version 1.7.12883.0). Am Ende lagen 90 Scans vor. Die Forscher legten sie per Computer über das digitale Referenzmodell des künstlichen Ohrs (Fachbegriff: Best-Fit-Abgleich) und maßen, wie gut sie zusammenpassten.
Zwei Werte waren dabei entscheidend: Wie stark ein Abdruck im Schnitt vom Original abweicht, zieht er sich also leicht zusammen oder dehnt er sich aus. Und wie stark die einzelnen Messungen streuen, also wie zuverlässig sich ein Ergebnis wiederholen lässt.
Die Zahlen im Detail
Der Otoscan wich im Schnitt um −0,052 mm vom Original ab. Die beiden Silikonmaterialien lagen mit −0,136 mm und −0,118 mm etwas weiter daneben, ein Zeichen dafür, dass das Silikon beim Aushärten minimal schrumpft. Auch bei der Streuung lag der Scanner vorn: Seine Werte schwankten um 0,415 mm, die der Silikonabdrücke um 0,496 bis 0,546 mm.
Ob eine Testperson viel oder wenig Erfahrung hatte, spielte laut den Autoren kaum eine Rolle, mit einer Ausnahme: Ein besonders erfahrener Anwender wich deutlich von den übrigen Ergebnissen ab. Beim geraden, kantigen Gehörgang waren die Abweichungen bei beiden Methoden etwas größer als beim gekrümmten Modell. Die Autoren vermuten, dass Scanner dazu neigen, scharfe Kanten abzurunden statt sie exakt abzubilden.
Wo der eigentliche Unterschied liegt
In der reinen Genauigkeit unterscheiden sich Scanner und Silikonabdruck also kaum noch. Den eigentlichen Unterschied machen laut Studie andere Faktoren: Kosten, Arbeitsablauf und wie angenehm der Termin für Patienten ist. Der Otoscan spart nach Einschätzung der Autoren Zeit, und Patienten können den Scan live auf einem Bildschirm mitverfolgen, was den Praxisbesuch angenehmer macht. Dagegen steht der hohe Anschaffungspreis der Geräte, der laut der Studie bisher bremst, wie schnell sich die Technik verbreitet.
Fehler können bei beiden Methoden passieren: In der Silikonmasse können sich Luftblasen bilden und die Messung verfälschen. Beim Scanner entstehen Datenlücken, wenn eine Stelle des Ohrs nicht vollständig erfasst wird.
Die Autoren nennen selbst eine Einschränkung ihrer Studie: Wie genau der 3D-Drucker die künstlichen Referenzohren tatsächlich gefertigt hat, wissen sie nicht. Die gemessenen Werte sind deshalb keine absoluten Wahrheiten, sondern nur untereinander vergleichbar, weil alle Tests mit demselben gedruckten Ohr liefen. Hinzu kommt eine kleine Stichprobe: fünf Testpersonen, zwei künstliche Gehörgänge, keine echten Patientenohren.
Was als Nächstes geplant ist
Die Forschungsgruppe will als Nächstes an echten Gehörgängen weitertesten. Außerdem sollen Einsteiger, Fortgeschrittene und Profis direkt verglichen werden, um herauszufinden, wie viel Erfahrung wirklich ausmacht. Für das dritte Quartal 2026 erwarten die Autoren neue Handscanner-Modelle und bereiten dafür bereits weitere Tests vor.
Denkbar sind laut den Autoren zudem Tests mit weiteren Abdruckmaterialien und Desktop-Scannern sowie Untersuchungen dazu, wie Kühlung, Wärme, UV-Behandlung, Haare oder Ohrenschmalz das Ergebnis beeinflussen.
Finanziert wurde die Studie vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) über das Programm KMU-innovativ (Förderkennzeichen 13XP5223B). Interessenkonflikte geben die Autoren nicht an.