Der weltgrößte Brillen- und Optikkonzern will offenbar mehr sein als nur ein Anbieter von Brillen und Linsen – und rückt dabei ein Geschäftsfeld in den Fokus, das lange ein Nischendasein fristete. Zwischen zugekauften Handelsketten und einer smarten Brille, die zugleich als Hörlösung funktioniert, zeichnet sich eine Strategie ab, die von Land zu Land unterschiedlich weit fortgeschritten ist. Wie tief dieser Umbau in den eigenen Filialnetzen bereits greift, zeigt ein Blick auf fünf europäische Märkte.

Spanien: Der am weitesten ausgebaute Fall

Am konsequentesten treibt EssilorLuxottica die Hörakustik in Spanien voran. Óptica 2000 kam 2019 zunächst zu GrandVision und damit nach Abschluss der Übernahme von GrandVision Ende 2021 zu EssilorLuxottica. Von rund 140 spanischen Filialen bieten inzwischen 76 einen „Servicio de audiología“ an. Ein großer Teil des Hörangebots befindet sich in Óptica-2000-Filialen innerhalb der Warenhäuser von El Corte Inglés.

„Wir arbeiten weiter daran, diese Abdeckung schrittweise auszubauen. Unser Ziel ist es, Seh- und Hörgesundheit zunehmend an einem Ort zu bündeln“, erklärte Marta Miralles, Head of Hearing Aids bei EssilorLuxottica Spain Optical Retail. Eine eigene Hörgerätemarke führt die Kette nicht. Stattdessen kooperiert sie mit führenden Herstellern des Marktes. Die hauseigene Hörbrille Nuance Audio soll zugleich als Einstieg in das Geschäftsfeld Audiologie dienen.

Deutschland: Apollo baut Hörstudios aus

Auch Apollo-Optik, seit Abschluss der GrandVision-Übernahme 2021 Teil von EssilorLuxottica, investiert in Hörakustik. Apollo weist aktuell 90 seiner rund 900 deutschen Filialen als Standorte mit Hörakustik aus. Angeboten werden Hörtests, Beratung und die Anpassung von Hörgeräten verschiedener Hersteller.

Damit ist das Hörgeschäft in Deutschland bereits deutlich über ein reines Zusatzangebot einzelner Filialen hinausgewachsen.

Großbritannien: Vision Express setzt auf Nuance Audio

Bei Vision Express ist das Hörgeschäft bislang vor allem über Nuance Audio sichtbar. Die Hörbrille kann in zahlreichen Filialen getestet werden. Der aktuelle Standortfinder weist 532 Verkaufsstellen für Nuance Audio aus.

Wie viele Standorte darüber hinaus über eine vollwertige, mehrmarkenfähige Audiologie-Abteilung verfügen, geht aus den öffentlich verfügbaren Angaben nicht eindeutig hervor. Im Unterschied zu Spanien und Deutschland lässt sich deshalb derzeit kein vergleichbares Netz klassischer Hörakustikfilialen quantifizieren.

Frankreich: GrandOptical und Générale d’Optique

Auch in Frankreich ist EssilorLuxotticas Hörgeschäft weiter entwickelt, als es ein reiner Blick auf Nuance Audio vermuten lässt. Der Konzern betreibt mit GrandOptical und Générale d’Optique zwei große eigene Handelsketten.

Beide Ketten bieten inzwischen klassische Hörakustik an und beschäftigen Audioprothésistes. Bei GrandOptical und Générale d’Optique ist dieses Angebot allerdings bislang auf einen vergleichsweise kleinen Teil des jeweiligen Filialnetzes konzentriert. Eine konzernweit einheitliche Zahl der Standorte mit klassischer Hörakustik veröffentlicht EssilorLuxottica nicht gesondert.

Niederlande: Pearle Opticiens kooperiert mit externem Partner

In den Niederlanden setzt Pearle Opticiens auf eine Kombination aus Nuance-Audio-Vertrieb und einer Partnerschaft mit dem externen Hörakustik-Dienstleister HoorPartners. HoorPartners betreibt unter anderem Hörakustik innerhalb von Pearle-Opticiens-Filialen.

Damit unterscheidet sich das Modell vom stärker integrierten Ansatz in Spanien und Deutschland. Ob an allen entsprechenden Pearle-Standorten eigenes audiologisches Fachpersonal vorhanden ist oder die Versorgung über externe Partner erfolgt, lässt sich anhand der öffentlich zugänglichen Angaben nicht abschließend feststellen.

Nuance Audio als verbindendes Element

So unterschiedlich die einzelnen Netze aufgestellt sind: Ein verbindendes Element ist die Hörbrille Nuance Audio. Die Technologie geht auf die 2023 übernommene Nuance Hearing zurück und wurde 2025 durch die Übernahme des französischen KI-Start-ups Pulse Audition technologisch ergänzt.

Nuance Audio erhielt in den USA eine FDA-Clearance; in der EU wurde die CE-Kennzeichnung nach der Medizinprodukteverordnung erreicht. Inzwischen wird die Hörbrille in zahlreichen europäischen Märkten angeboten. Ende 2025 war Nuance Audio nach Angaben von EssilorLuxottica bereits in 15.000 Verkaufsstellen in zwölf Märkten erhältlich. Im weiteren Jahresverlauf wurde die internationale Verbreitung ausgebaut.

EssilorLuxottica erzielte 2025 einen Rekordumsatz von 28,491 Milliarden Euro. Parallel baut der Konzern mit Hörlösungen ein neues Geschäftsfeld auf. Konzernchef Francesco Milleri bezeichnete das Audiosegment im April 2026 als einen wichtigen Wachstumsbereich des Unternehmens.

Damit ist Nuance Audio inzwischen Teil einer breiter angelegten strategischen Ausrichtung von EssilorLuxottica auf Audio, Smart Eyewear und Medizintechnik. Die Hörbrille ist zugleich eng mit der bestehenden Vertriebsstruktur verbunden: EssilorLuxottica kann auf tausende eigene und franchisegeführte Optikstandorte zurückgreifen.

Konkurrenz zu etablierten Hörakustik-Anbietern

Die Entwicklung bringt EssilorLuxottica zunehmend in ein Wettbewerbsfeld, das bislang vor allem von spezialisierten Hörakustikunternehmen und Hörgeräteherstellern geprägt wurde. Zu den etablierten Anbietern im europäischen Markt zählt unter anderem Amplifon.

Eine Beteiligung an Amplifon hatte EssilorLuxottica nach Angaben von CEO Francesco Milleri in der Vergangenheit ebenfalls geprüft. Zu einem Einstieg kam es nicht. Die Aussage zeigt zugleich, dass der Konzern strategische Optionen im Hörakustikmarkt bereits untersucht hat.

Die Entwicklung des Wettbewerbers macht den Markt zusätzlich interessant: Amplifon übernimmt 2026 das Hörgerätegeschäft von GN Hearing und erweitert damit seine vertikale Integration vom Hörakustikhandel in Richtung Hörgeräteherstellung.

Ausblick: Unterschiedliches Tempo, gemeinsame Richtung

Die Datenlage zeigt ein uneinheitliches Bild: Spanien und Deutschland verfügen bereits über klar quantifizierbare Netze mit klassischer Hörakustik. Auch in Frankreich ist Hörakustik bei GrandOptical und Générale d’Optique etabliert, bislang allerdings an vergleichsweise wenigen Standorten. In Großbritannien und den Niederlanden ist das Hörgeschäft dagegen stärker über Nuance Audio beziehungsweise – im niederländischen Fall – über externe Hörakustikpartner sichtbar.

Ob EssilorLuxottica diese unterschiedlichen Modelle langfristig zu einem europaweit einheitlichen Hörakustikkonzept zusammenführt, lässt sich aus den bisher veröffentlichten Zahlen nicht ablesen. Klar ist jedoch: Hörlösungen gehören inzwischen zu den wichtigen Wachstumsfeldern des Konzerns – neben dem Geschäft mit smarten Brillen, das EssilorLuxottica gemeinsam mit Meta vorantreibt.