EssilorLuxottica hat in der Vergangenheit einen möglichen Einstieg beim italienischen Hörakustik-Konzern Amplifon geprüft. Das bestätigte CEO Francesco Milleri am 28. April 2026 am Rande der Hauptversammlung in Paris. Eine Beteiligung kam nicht zustande. Für die Hörakustikbranche ist die Aussage dennoch relevant, weil Milleri den Audiobereich als eines der größten künftigen Wachstumsfelder des französisch-italienischen Brillen- und Gläserkonzerns bezeichnete.

Milleri bestätigt frühere Amplifon-Überlegungen

Auf die Frage, ob EssilorLuxottica an einer früheren Kapitalerhöhung von Amplifon hätte teilnehmen wollen, sagte Milleri: „Wir beobachten nahezu alles, was in unserer Welt geschieht, daher haben wir uns auch Amplifon angesehen.“ Details nannte er nicht. Offen blieb damit, auf welche Kapitalmaßnahme er sich bezog und welche Größenordnung eine mögliche Beteiligung gehabt hätte.

Milleri ergänzte, Amplifon habe sich damals „für andere Wege entschieden“. Gleichzeitig machte er deutlich, dass EssilorLuxottica weltweit weiter mögliche M&A-Transaktionen prüft. Das ist keine Ankündigung eines neuen Vorstoßes, aber ein klares Signal: Hören ist für den Konzern nicht mehr nur ein angrenzendes Thema, sondern Teil der strategischen Wachstumsagenda.

Amplifon baut seine Position mit GN Hearing aus

Amplifon selbst hat seine Marktposition zuletzt deutlich gestärkt. Am 16. März 2026 gab GN Store Nord bekannt, sein Hearing-Geschäft an Amplifon zu verkaufen. Der Transaktionswert liegt bei 17,0 Milliarden Dänischen Kronen auf cash- und schuldenfreier Basis. Die Gegenleistung soll aus 12,6 Milliarden Dänischen Kronen in bar sowie 56 Millionen Amplifon-Aktien bestehen. Der Abschluss steht unter anderem unter dem Vorbehalt regulatorischer Genehmigungen und der Abspaltung des Hörgeschäfts von GN; erwartet wird er bis Ende 2026.

Mit der Transaktion würde Amplifon einen weiteren Schritt in Richtung vertikale Integration gehen. GN beschreibt die Kombination als global integrierten Anbieter in der Audiologie, der Hörtechnologie und Hörversorgung enger miteinander verbinden soll. Für den Markt bedeutet das: Die Grenzen zwischen Entwicklung, Herstellung, Vertrieb und Versorgung werden weiter neu gezogen.

Apollo macht die Deutschland-Perspektive besonders interessant

Für Deutschland kommt ein wichtiger Punkt hinzu: EssilorLuxottica ist über GrandVision auch mit Apollo-Optik verbunden. EssilorLuxottica hatte 2021 zunächst die Mehrheit an GrandVision übernommen; seit dem abgeschlossenen Buy-out im April 2022 hält der Konzern 100 Prozent des ausgegebenen GrandVision-Kapitals. GrandVision betreibt in Deutschland die Apollo-Kette.

Damit ist der Bezug zur Hörakustik nicht nur strategisch, sondern bereits im stationären Geschäft sichtbar. Apollo bietet Hörakustik an. Auf seiner Website führt das Unternehmen Bereiche für Hörgeräte, Gehörschutz, Hörgeräte-Zubehör, Hörgeräte-Versicherung und den Hörtest Pro. Zudem verweist Apollo darauf, dass bereits mehr als 60 der rund 900 Apollo-Filialen in Deutschland über moderne Hörstudios und ausgebildete Akustikexperten verfügen.

Für EssilorLuxottica entsteht dadurch ein konkreter Retail-Anknüpfungspunkt. Der Konzern verfügt in Deutschland nicht nur über eine starke Optikpräsenz, sondern auch über Standorte, an denen sich Sehen und Hören bereits in einem Beratungsumfeld verbinden lassen.

Nuance Audio verbindet Brille und Hörunterstützung

Parallel baut EssilorLuxottica sein eigenes Audiogeschäft aus. Mit Nuance Audio bietet der Konzern eine Hörbrille an, die eine offene Hörlösung in eine Brille integriert. Apollo bewirbt Nuance Audio als „All-in-One-Hörbrille“ für Menschen mit wahrgenommenem leichtem bis mäßigem Hörverlust. Genannt werden unter anderem integrierte Hörtechnologie, Open-Ear-Lautsprecher, Richtmikrofone und Beamforming-Technologie zur besseren Sprachverständlichkeit in lauten Umgebungen.

Regulatorisch ist der Weg ebenfalls vorbereitet. EssilorLuxottica erhielt für Nuance Audio eine FDA-Freigabe in den USA sowie europäische Zertifizierungen; der Marktstart in ausgewählten europäischen Ländern, darunter Deutschland, wurde für die erste Jahreshälfte 2025 angekündigt. Der Konzern will dafür sein eigenes Retail-Netz nutzen, aber auch klassische Audiologiepraxen und optische Fachhandelspartner einbinden.

Grenzen zwischen Optik, Hörakustik und Wearables verschieben sich

Für Hörakustiker ist diese Entwicklung mehr als eine Kapitalmarktgeschichte. EssilorLuxottica prüfte in der Vergangenheit eine Beteiligung an Amplifon, Amplifon baut mit GN Hearing seine industrielle und vertriebliche Reichweite aus, und Apollo verbindet in Deutschland bereits Optik-Filialgeschäft mit Hörakustik-Angeboten.

Ein neuer Einstieg von EssilorLuxottica bei Amplifon ist derzeit nicht angekündigt. Der strategische Kurs ist dennoch erkennbar: Große internationale Plattformen, starke Retail-Netze und hybride Produkte wie Nuance Audio gewinnen im Hörmarkt an Bedeutung. Für die Fachbranche dürfte damit die Frage wichtiger werden, wie persönliche Beratung, audiologische Kompetenz und neue Technologien künftig zusammenspielen.