Egal ob Klassik-Star im Konzertsaal oder Gitarrist im Club – das Risiko fürs Gehör ist riesig. Eine aktuelle Meta-Analyse kommt zu einem klaren Ergebnis: 42,6 Prozent aller Musiker berichten über Tinnitus. In der Vergleichsgruppe ohne musikalische Tätigkeit sind es nur 13,2 Prozent.
Die systematische Übersichtsarbeit wurde in der Fachzeitschrift Otolaryngology–Head and Neck Surgery veröffentlicht. Für die Analyse wurden Daten aus 67 Studien mit mehr als 28.000 Musikern aus 21 Ländern ausgewertet. Das Ergebnis ist eindeutig: Musiker tragen ein deutlich höheres Risiko für Hörprobleme.
Die wichtigsten Zahlen im Überblick:
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Tinnitus: 42,6 % bei Musikern vs. 13,2 % bei Nicht-Musikern
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Hörverlust: 25,7 % vs. 11,6 %
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Hyperakusis (Geräuschüberempfindlichkeit): 37,3 % vs. 15,3 %
Damit ist klar: Wer beruflich oder semiprofessionell Musik macht, lebt gefährlich – zumindest für sein Gehör.
„Viele Musiker leben still mit Ohrgeräuschen, Geräuschüberempfindlichkeit oder Hörverlust – ganz gleich, ob sie im Sinfonieorchester spielen oder in einem kleinen Club auftreten“, sagt Studienautor Shaun A Nguyen, Professor an der Medical University of South Carolina. Sein Appell: Es brauche dringend individuellere Risikoprofile und maßgeschneiderte Präventionsstrategien – speziell zugeschnitten auf Musiker.
Überraschend: Kein Unterschied zwischen Klassik und Rock
Brisant für viele Diskussionen in der Branche: Die Analyse fand keinen signifikanten Unterschied bei Tinnitus, Hörverlust oder Hyperakusis zwischen Klassik- und Pop-/Rockmusikern. Damit geraten frühere Annahmen ins Wanken.
Entscheidender als das Genre könnten laut Autoren andere Faktoren sein:
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Instrumententyp
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Sitzposition im Ensemble
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Raumakustik
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Konsequente Nutzung von Gehörschutz
Für Hörakustiker ist das eine klare Botschaft: Die Beratung muss individueller werden.
Dunkelziffer vermutlich höher
Ein weiteres Detail macht nachdenklich: Rund 63 Prozent der Hörverlust-Fälle basieren auf subjektiven Selbstauskünften. Nur 37 Prozent wurden audiometrisch objektiv bestätigt. Das bedeutet: Die tatsächliche Prävalenz könnte sogar noch höher liegen.
Auch beim Tinnitus zeigt sich ein differenziertes Bild:
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76,3 % berichten über gelegentliche Beschwerden
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15,6 % leiden unter permanentem Tinnitus
Für die Praxis heißt das: Musiker sind eine Hochrisikogruppe – unabhängig vom Genre. Prävention, regelmäßige Hörtests und individuelle Schutzkonzepte sind keine Kür, sondern Pflicht.