Ein Forschungsteam der Tel Aviv University hat einen bislang unbekannten Zellmechanismus im Innenohr beschrieben, der langfristig neue Ansätze zur Behandlung dauerhafter Hörverluste ermöglichen könnte. Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift Science Advances veröffentlicht.

Seltene Zellpopulation im Fokus

Forschende der Tel Aviv University haben eine seltene Untergruppe von Stützzellen im Innenohr identifiziert, die das Potenzial besitzt, sich in Haarzellen umzuwandeln. Diese Sinneszellen sind für die Umwandlung von Schall in elektrische Signale verantwortlich. Gehen sie verloren, ist der Hörverlust bei Säugetieren bislang dauerhaft, da sich Haarzellen nicht auf natürliche Weise regenerieren.

Für ihre Untersuchungen nutzte das Forschungsteam Live-Gewebeaufnahmen sowie Single-Cell-Multiomics-Analysen. Durch die Hemmung des sogenannten Notch-Signalwegs, der während der embryonalen Entwicklung die Bildung von Haarzellen steuert, beobachteten die Wissenschaftler, dass sich nicht alle Stützzellen gleich verhielten. Stattdessen wechselte lediglich eine kleine Zellpopulation in einen Übergangszustand und begann, Eigenschaften von Haarzellen anzunehmen. Diese Zellen bezeichnet das Team als transdifferenzierende Deiters-Zellen (tDCs).

Grundlage für künftige Therapien

Nach Angaben der Forschenden unterscheiden sich diese Zellen genetisch und epigenetisch von anderen Stützzellen. Diese Eigenschaften könnten erklären, warum sie auf die experimentelle Stimulation reagieren und den Regenerationsprozess einleiten können. Ziel weiterer Forschung ist es, die zugrunde liegenden Mechanismen besser zu verstehen und die regenerative Fähigkeit möglicherweise auf weitere Zelltypen im Innenohr auszuweiten. Denkbar seien künftig kombinierte genetische und epigenetische Ansätze, um bestehende biologische Barrieren zu überwinden.

Noch kein Therapieansatz für Patienten

Die Ergebnisse stellen nach Einschätzung des Forschungsteams einen Grundlagenforschungsbefund dar. Eine klinisch verfügbare Behandlung ergibt sich daraus derzeit nicht. Bislang stehen Menschen mit dauerhaftem Hörverlust vor allem Hörgeräte, Cochlea-Implantate sowie in einzelnen genetischen Indikationen erste Gentherapien zur Verfügung. Die jetzt veröffentlichten Erkenntnisse könnten jedoch eine wissenschaftliche Grundlage für regenerative Therapien schaffen, die künftig auf die Wiederherstellung von Hörvermögen statt auf dessen technische Kompensation abzielen.