Frankreichs Gesundheitsministerin Stéphanie Rist hat den Plan gestoppt, Hörakustikern und Optikern die Publikumswerbung für erstattungsfähige Hörgeräte und Brillen zu verbieten. Der Entwurf, den die Direction de la Sécurité sociale (DSS) den Berufsverbänden am 4. September 2026 vorgelegt hatte, soll „in seiner jetzigen Form“ nicht weiterverfolgt werden, bestätigte das Ministerium am 24. September. Das Ziel gibt das Ministerium aber nicht auf: Die DSS prüft nun Vorschläge der Branche, wie sich die Auswüchse im Marketing auf anderem Weg eindämmen lassen.
Drei Wochen zwischen Entwurf und Rückzug
In Frankreich dürfen Medizinprodukte, die die gesetzliche Krankenversicherung erstattet, grundsätzlich nicht beim breiten Publikum beworben werden. Das Gesundheitsgesetzbuch nimmt aber Produkte mit geringem Risiko von diesem Verbot aus. Welche das sind, legt eine Verordnung vom 21. Dezember 2012 fest: Medizinprodukte der Klassen I und IIa – und damit auch Brillen und Hörgeräte.
Genau diese Ausnahme wollte die DSS für Optik und Hörakustik streichen. Nach übereinstimmenden Berichten hätten Händler dann in Publikumsmedien nicht mehr mit Angeboten und Rabatten werben dürfen.
Weil nur die Verordnung geändert werden sollte, hätte die Unterschrift der Ministerin genügt. Frühere Versuche über Änderungsanträge zu den Sozialversicherungshaushalten und zum Gesetz gegen Betrug waren jeweils als unzulässig abgewiesen worden.
Rist begründet den Vorstoß mit Fehlentwicklungen, die „seit vielen Jahren“ zu beobachten seien: „Ein Gerät gekauft, ein Geschenk gratis“, Geburtstags-SMS, das Gratis-Handy beim Kauf einer erstatteten Brille oder eines Hörgeräts. Weil die Branche das nicht in den Griff bekommen habe, habe man „maximalistische Optionen“ erwogen. Medizinprodukte seien „keine Konsumgüter wie alle anderen“.
Die Nebenwirkungen von „100 % Santé“
Hintergrund ist die Reform „100 % Santé“, die seit 2021 Hörgeräte der Klasse I ohne Eigenanteil ermöglicht. Nach Angaben des Audioprothesisten-Verbands SDA stieg die Versorgungsquote von 41 % im Jahr 2018 auf 55,5 % im Jahr 2025.
Mit der zahlungsfähigen Nachfrage kamen nach Darstellung des SDA neue Anbieter – und eine „konsumorientierte Auffassung der Versorgung“: Angebote für ein „zweites Paar“, Geschenke, Aktionsrabatte, Kopplungsverkäufe.
Hörakustik: Ja, aber – mit einer Gegenstimme
Anders als die Optik lehnte die Hörakustik den Entwurf überwiegend nicht ab. Der Vorstand des SDA beschloss am 21. September, die Reform zu unterstützen. Er verlangte aber, dass Audioprothesisten ihre Patienten weiterhin über ihre Tätigkeit, die Kostenübernahme und Prävention informieren dürfen.
SDA-Präsident Stéphane Gallégo hatte Anfang September gesagt: „Seit 14 Jahren fordern wir dieses Verbot.“ Zugleich warnte er vor einem „unerwünschten Effekt auf den Versorgungsweg“: Ohne Werbung seien die Zusatzversicherer (Ocam) und ihre Netzwerke im Vorteil, wenn es darum gehe, Patienten zu lenken. Das sei unfairer Wettbewerb gegenüber den unabhängigen Betrieben.
Die mutualistischen Verbände Synam und dessen Optik-Pendant Synom stimmten dem Prinzip zu, kritisierten aber die kurze Konsultation und die fehlende Folgenabschätzung. Sie forderten, das Verbot müsse für Ocam und Versorgungsnetze genauso gelten. Außerdem solle frei verkäufliche Hörhilfen (OTC) vergleichbaren Regeln unterliegen, damit keine Regulierung „mit zwei Geschwindigkeiten“ entsteht.
Dagegen stellte sich der Verband Synea. In einem Brief an die Ministerin verwies er darauf, dass 45 % der Schwerhörigen nicht versorgt seien. Ein Verbot würde nach Ansicht des Verbands den einzigen Informationskanal beseitigen, der zu diesem Thema noch besteht. Statt eines Verbots schlug Synea eine für alle Marktteilnehmer verbindliche Charta für „faire und verantwortungsvolle Kommunikation“ vor.
Optik: Front gegen das Verbot
In der Augenoptik lehnten fast alle Verbände und Ketten den Entwurf ab; nur die Fédération nationale des opticiens de France (Fnof) unterstützte ihn. Laurent Lévy, Chef von Optical Center und Vorstandsmitglied des Verbands ROF, nannte es „paradox“, ein System zur Verbesserung des Zugangs zu schaffen und gleichzeitig einzuschränken, dass die Menschen davon erfahren. Optic 2000 forderte, Missbrauch zu kontrollieren und zu sanktionieren, statt Werbung für eine ganze Branche abzuschaffen.
Was auf dem Spiel stand, zeigt eine Zahl: Laut Kantar lagen die Werbeausgaben der Optikbranche 2024 ohne soziale Netzwerke bei über 193 Millionen Euro.
Unterstützung für den Vorstoß kam von Ecouter Voir, dem Versorgungsnetz der Zusatzversicherer auf Gegenseitigkeit. Seh- und Hörgesundheit dürfe nicht wie ein Konsumgütermarkt behandelt werden, sagte Generaldirektor Arthur Havis der AFP. Sonst werde irgendwann die Kostenübernahme durch die Solidargemeinschaft infrage gestellt.
Was jetzt auf dem Tisch liegt
Die DSS soll nun die alternativen Vorschläge der Branche auf Wirksamkeit und Umsetzbarkeit prüfen. Wann das abgeschlossen sein soll, geht aus den bisherigen Äußerungen des Ministeriums nicht hervor. Synea will der Regierung vorschlagen, die Arbeit an einer für alle geltenden Charta fortzusetzen.
Für die Hörakustik bleibt eine Frage offen, die der SDA in seiner Stellungnahme und die Patientenvereinigung France Assos Santé gegenüber der Fachpresse aufgeworfen haben: wo zulässige Information endet und verbotene Werbung beginnt. Sie dürfte auch jede künftige Regelung bestimmen.