Der dänische Hörgerätekonzern Demant wird den Produktionsstandort audifon im thüringischen Kölleda zum 31. Oktober schließen. Rund 130 Beschäftigte verlieren ihren Arbeitsplatz. Ersatzstellen gibt es keine. Die Bücher wären voll gewesen.

Retailkauf mit Kollateralschaden

Die Entscheidung fiel nicht wegen mangelnder Aufträge. „Die Bücher sind voll“, sagt Michael Pietsch, Gewerkschaftssekretär der IG Metall, der die Belegschaft vor Ort betreut. Produziert werden soll bis zum letzten Tag. Den Ausschlag gab allein die Konzernstrategie des neuen Eigentümers: „Der neue Eigentümer wollte das Netz. Die Produktion interessiert ihn nicht.“

Demant hatte im Dezember 2025 die KIND-Gruppe übernommen — Kaufpreis 700 Millionen Euro, kartellrechtlich genehmigt vom Bundeskartellamt am 19. November 2025. Das Ziel war das Filialnetz: Rund 650 KIND-Standorte in Deutschland, der Schweiz, Österreich, Luxemburg und Singapur. Durch die Übernahme ist Demant zur größten Hörakustikkette Deutschlands mit rund 1.000 Filialen aufgestiegen.

audifon, der Hörgerätehersteller aus Kölleda, gehörte zum Paket — war aber nie das Ziel.

Ein Betriebsrat, der zu spät kam

Die Belegschaft hatte die Gefahr früh erkannt. Carsten König, seit dem 1. Dezember 2025 Betriebsratsvorsitzender, schildert, dass die Arbeitnehmervertretung — die erste in der Unternehmensgeschichte — eigens wegen der drohenden Schließung gewählt wurde. 92 Prozent der Belegschaft beteiligten sich.

„Unsere schlimmsten Befürchtungen haben sich seitdem bewahrheitet“, sagt König.

Im März wurde die Schließung offiziell verkündet. Kölledaer Geschäftsführer Jörg Hensel bestätigte den Beschluss gegenüber der Thüringer Allgemeinen. Die Entscheidungshoheit liegt anderswo: in Kopenhagen.

Streit um den Sozialplan

Verhandelt wird noch — über das Wie, nicht das Ob. Das bisherige Abfindungsangebot des Unternehmens: 0,4 Monatsgehälter pro Beschäftigungsjahr. Für eine Branche, in der ein Großteil der Fertigungsmitarbeiter Mindestlohn bezieht, ist das wenig. Pietsch rechnet vor: Wer 20 Jahre im Betrieb war, erhält vor Steuern kaum 20.000 Euro.

Betriebsrat und IG Metall wollen mehr. „Wir wollen einen Schluck mehr aus der Pulle“, so Pietsch. Die Verhandlungen beschreibt er als sachlich und auf Augenhöhe — doch inhaltlich liegt man weit auseinander. Eine möglicherweise finale Verhandlungsrunde war für Dienstag angesetzt.

Letzten Montag versammelten sich die Beschäftigten zur „aktiven Mittagspause“: mit orangefarbenen Warnwesten und Trillerpfeifen vor dem Werksgebäude. Kein Streik, aber ein Signal — in dem Wissen, dass die Entscheidungen woanders fallen.

Das Ende einer langen Geschichte

Das Unternehmen audifon geht auf den VEB Funkwerk Kölleda zurück, der seine Wurzeln bis 1945 hat und 1948 verstaatlicht wurde. audifon galt als einziger Hersteller, der seine Hörgeräte vollständig in Deutschland produzierte. KIND erwarb das Werk 2004 und wurde damit vom reinen Händler auch zum Hersteller.

Mit der Schließung endet nicht nur ein Kapitel Unternehmensgeschichte. Es endet die Hörgeräteproduktion in Deutschland insgesamt.

Demant hatte für 2025 bereits einen konzernweiten Stellenabbau von rund 700 Positionen angekündigt, verbunden mit einem Sparprogramm, das ab 2028 jährlich rund 500 Millionen dänische Kronen einsparen soll.

Die Schließung in Kölleda ist, aus Kopenhagener Perspektive, ein Posten in einer größeren Kalkulation. Für Kölleda ist es das Ende.