Ein führender britischer Hörforscher hat aktuelle Hörgeräte in einer wissenschaftlichen Übersichtsarbeit systematisch bewertet. Sein Befund: Die Technologie hat sich in den vergangenen Jahrzehnten erheblich weiterentwickelt – doch in zentralen Bereichen bleibt die Praxis weit hinter dem theoretisch Möglichen zurück. Ein Blick auf die Stärken und Schwächen moderner Hörgerätesysteme.
Ein Forscher vergibt Schulnoten
Brian C. J. Moore, Hörforscher an der Cambridge Hearing Group, Department of Psychology, Universität Cambridge, hat im Journal of the Association for Research in Otolaryngology (JARO) eine umfangreiche Übersichtsarbeit veröffentlicht. Die Arbeit erschien am 13. Februar 2026 und trägt den Titel „Hearing Aids: What Works Well and What Can Be Improved“.
Methodisch ungewöhnlich: Moore bewertet jeden untersuchten Aspekt der Hörgerätetechnik auf einer Skala von 1 bis 10 – wobei 1 für dringenden Verbesserungsbedarf steht und 10 für das bestmöglich Erreichbare. Grundlage sind Studiendaten aus der Fachliteratur, eigene technische Messungen und ausdrücklich auch seine persönlichen Erfahrungen als Hörgeräteträger. Die Kombination aus akademischer Distanz und gelebter Betroffenheit verleiht der Arbeit eine Klarheit, die in der Forschungsliteratur selten ist.
Ein zentrales Fazit zieht sich durch alle Bewertungen: Hörgeräte sind seit der Einführung digitaler Geräte in den 1980er Jahren stark weiterentwickelt worden – normales Hören können sie jedoch nach wie vor nicht wiederherstellen. Manche Folgen eines sensorineuralen Hörverlusts, etwa die reduzierte Frequenzselektivität, lassen sich grundsätzlich nicht durch Signalverarbeitung kompensieren.
Das Grunddilemma: Offen oder geschlossen?
Eine der folgenreichsten Entscheidungen bei der Versorgung ist die Art der akustischen Kopplung ans Ohr. Eine geschlossene Passform versiegelt den Gehörgang vollständig, was den sogenannten Okklusionseffekt auslösen kann: Die eigene Stimme klingt zu laut oder zu dumpf, Kaugeräusche werden als störend wahrgenommen.
Die Alternative ist eine offene Passform mit Belüftungsöffnung im Ohrstück. Sie mildert den Okklusionseffekt, hat aber mehrere Nachteile: Es entsteht eine sogenannte Kammfilterung durch die Überlagerung des direkt durch die Öffnung einfallenden Schalls mit dem verzögerten verstärkten Signal des Hörgeräts – hörbar als Klangverfärbung. Zudem lässt sich im Tieftonbereich kaum Verstärkung erzielen, weil der niedrigfrequente Schall durch die Öffnung entweicht. Praktisch bedeutet das: Unterhalb von 500 Hz ist keine positive Verstärkung möglich, unterhalb von 1 kHz nimmt der Nutzen deutlich ab.
Besonders relevant für die tägliche Versorgungspraxis: Die meisten Personen mit einem leicht- bis mittelgradigen, zur Hochtonseite abfallenden Hörverlust erhalten Versorgungen, die vollständig oder teilweise offen sind. Das verhindert zwar den Okklusionseffekt, schränkt aber die Wirksamkeit von Richtmikrofonen und Störgeräuschunterdrückung erheblich ein. Ein Kompromiss ohne echte Gewinner.
Verstärkungsreichweite: Solide, aber nicht ausreichend
Die nutzbare Verstärkung endet bei herkömmlichen Hörgeräten häufig bei etwa 5 kHz. Einige moderne Geräte können zwar bis 8 oder sogar 10 kHz verstärken, doch oberhalb von 5 kHz bleibt die tatsächlich erzielte Verstärkung oft unterhalb der Zielwerte, die validierte Anpassmethoden wie NAL-NL2 oder DSL vorgeben. Hauptursache ist in den meisten Fällen die akustische Rückkopplung.
Studien mit dem Earlens-System – einem Direktantriebsgerät, das einen Wandler auf dem Trommelfell platziert und eine nutzbare Verstärkung bis 10 kHz ermöglicht – zeigen, dass eine breitere Hochtonversorgung die Sprachverständlichkeit verbessern kann: In einem Experiment sank die Hörschwelle für Sprache bei räumlich getrenntem Störschall im Mittel um 1,3 dB. Auch die Klangqualität verbesserte sich, wenngleich moderat.
Moore bewertet konventionelle Hörgeräte in diesem Bereich mit 6 von 10 Punkten, Direktantriebssysteme wie das Earlens hingegen mit 9 von 10. Einschränkend weist er darauf hin, dass diese Systeme teuer sind, einen HNO-Arzt in der Anpassung erfordern und regelmäßige Reinigung des Gehörgangs und Trommelfells durch Fachpersonal voraussetzen.
Kompression: Ein Kernproblem mit zwei schlechten Optionen
Fast alle Hörgeräte setzen eine mehrkanalige Amplitudenkompression ein, um den reduzierten Dynamikbereich des hörgeschädigten Ohrs auszugleichen. In der Praxis gelingt das nur unvollständig: Leise Klänge, insbesondere im Hochtonbereich, werden oft nicht ausreichend hörbar gemacht. Gleichzeitig schränken viele Hersteller das Kompressionsverhältnis auf maximal 3:1 ein – obwohl manche Nutzende theoretisch Verhältnisse von 10:1 oder mehr benötigen würden.
Das Grundproblem liegt in der Kompressionsgeschwindigkeit. Schnelle Kompression verstärkt in kurzen Gesprächspausen den Hintergrundlärm, verschlechtert die Sprachverständlichkeit in hallreichen Räumen und erzeugt durch sogenannte Kreuzmodulation Klangverfärbungen, wenn mehrere Schallquellen gleichzeitig vorhanden sind. Langsame Kompression hingegen gleicht Lautstärkeschwankungen nicht schnell genug aus: Einzelne Musiknoten oder Sprachlaute können unverhältnismäßig prominent wirken, Töne scheinen schneller zu verklingen als sie sollten.
Hinzu kommt, dass die tatsächlich erzielten Kompressionsverhältnisse in Moores Erfahrung regelmäßig unterhalb der in der Anpasssoftware programmierten Werte liegen – sowohl bei Sinustönen und Rauschbändern als auch bei Sprache. Das kann dazu führen, dass laute Schallereignisse als unangenehm laut empfunden werden, besonders bei Live-Musikveranstaltungen.
Gesamturteil: 6 von 10 Punkten. Hoffnung macht ein neuerer KI-Ansatz: Zhang et al. haben ein System auf Basis eines tiefen neuronalen Netzes (DNN) entwickelt, das Zielsprache von Hintergrundgeräuschen trennt und unterschiedliche Kompressionsstrategien je nach Quelle anwendet – schnelle Kompression für die Zielsprache, langsame für den Hintergrund, kombiniert mit einer Geräuschreduktion von 15 dB in ersten Versuchen. Die Verarbeitungsverzögerung beträgt dabei nur rund 10 Millisekunden, und der Rechenaufwand ist vergleichbar mit dem leistungsstärkster DNNs, die bereits heute in Hörgeräten eingesetzt werden.
Rückkopplungsunterdrückung: Gut, aber mit Nebenwirkungen
Systeme zur Feedback-Unterdrückung arbeiten in zwei Stufen: Eine statische Komponente erfasst beim Anpassen den Übertragungsweg des Rückkopplungssignals; eine adaptive Komponente reagiert auf veränderte akustische Bedingungen, etwa eine in Ohrnähe gehaltene Tischfläche oder ein Telefonhörer.
Die Systeme haben sich erheblich verbessert und ermöglichen höhere Verstärkungen sowie offenere Versorgungsformen. Dennoch können sie Artefakte erzeugen: kurze Pfeiftöne bei sich verändernden Bedingungen, amplitudenmoduliert klingende Dauertöne, gelegentliches Auslöschen von Tönen oder ein hörbarer „Nachton“ nach dem Abklingen eines Signals. Diese Artefakte sind für Sprache oft kaum wahrnehmbar, bei Musik aber deutlicher störend.
Moore bewertet die aktuelle Feedback-Unterdrückung mit 7 von 10 Punkten – ein vergleichsweise gutes Ergebnis, das die realen Fortschritte der letzten Jahre widerspiegelt.
Richtmikrofone: Wirkungsvoll nur unter Bedingungen
Beamformer – Richtmikrofonsysteme, die Schall aus einer bevorzugten Richtung verstärken – können bei geschlossener Passform spürbar helfen. Moore bewertet sie hier mit 6 von 10 Punkten. Bei offener Passform hingegen sinkt das Urteil auf 3 von 10: Hintergrundgeräusche aus allen Richtungen dringen durch die Belüftungsöffnung ein und verwässern den Richteffekt erheblich.
Ein weiterer praxisrelevanter Punkt: Der Richtstrahl ist meist nach vorne ausgerichtet. Ältere Menschen führen beim Wenden zu einem neuen Gesprächspartner im Mittel 57 Prozent der Kopf-Augen-Bewegung mit dem Kopf aus, den Rest mit den Augen – was bedeutet, dass der Richtstrahl häufig nicht exakt auf die Zielperson ausgerichtet ist.
Drahtlose Konnektivität: Der klare Spitzenreiter
Die kabellose Verbindung mit Smartphones, Fernsehern oder Fernmikrofonen bewertet Moore bei geschlossener Versorgung mit 10 von 10 Punkten – dem einzigen Höchstwert in seiner gesamten Übersicht. Bei offener Versorgung sind es 7 von 10, da gestreamte Inhalte aufgrund des fehlenden Tieftonbereichs dünn klingen und Umgebungsgeräusche durch die Öffnung eintreten.
Als neueren Standard hebt er Auracast hervor, eine Erweiterung des Bluetooth-Standards, die es ermöglicht, Audiosignale von öffentlichen Geräten wie Fernsehern, Durchsageanlagen in Bahnhöfen oder Hörsälen direkt an eine unbegrenzte Anzahl von Hörgeräten zu übertragen – ohne Kopplungsvorgang.
Ausgangsstabilität: Unterschätzt und unterversorgt
Nur 5 von 10 Punkten erhält die Ausgangsstabilität der Geräte. Ursachen für schwankende Ausgangspegel im Alltag sind schlecht sitzende Ohrstücke durch Kieferbewegungen, zugesetzte Wachsschutzfilter, die vor allem die Hochtonverstärkung beeinträchtigen, oder verschmutzte Mikrofonöffnungen – Effekte, die sich schleichend entwickeln und dadurch schwer zu bemerken sind.
Technisch wäre eine automatische Erkennung solcher Probleme realisierbar: Hörgeräte könnten die Spektralform der eigenen Stimme des Trägers kontinuierlich analysieren und bei einer ungewöhnlichen Dämpfung im Hochtonbereich – typisches Merkmal eines verstopften Wachsfilters oder Mikrofons – einen Warnhinweis ausgeben. Nach Moores Kenntnis hat jedoch noch kein Hersteller ein solches System in ein Serienprodukt integriert.
Automatische Programmwahl: Vielversprechend, aber noch zu ungenau
Die automatische Situationserkennung – also das selbstständige Umschalten des Hörgeräts zwischen verschiedenen Hörsituationen – bewertet Moore mit einer Spanne von 5 bis 8 von 10 Punkten. Die Bandbreite spiegelt die dünne Datenlage wider: Belastbare Studien zur Alltagsgenauigkeit solcher Klassifikatoren fehlen weitgehend.
Ein grundsätzliches Problem ist die Mehrdeutigkeit mancher Situationen: Musik zusammen mit mehreren Sprechern kann unerwünschte Hintergrundmusik in einem Restaurant sein – dann wäre eine gerichtete Mikrofonstrategie sinnvoll – oder gewollte Livemusik in einem Jazzclub, wo omnidirektionales Hören gefragt ist. Ein automatisches System muss diese Unterscheidung treffen, ohne den Kontext zu kennen.
Ausblick: KI als Schlüsseltechnologie
Moores Gesamtbilanz ist nüchtern, aber nicht pessimistisch. Die Hörgerätetechnologie hat sich seit den Anfängen der Digitalisierung grundlegend gewandelt – das Ziel, normales Hören vollständig wiederherzustellen, bleibt jedoch unerreicht. Manche Einschränkungen sind physikalischer Natur und lassen sich durch Signalverarbeitung allein nicht überwinden. Andere dagegen – unzureichende Kompression, instabile Ausgangspegel, ungenaue Situationserkennung – sind technische Lücken, die mit vorhandenen Mitteln schließbar wären.
Tief lernende neuronale Netze zeigen das größte Potenzial: Sie können Sprache von Lärm trennen, Kompressionsstrategien kontextabhängig anpassen und Rückkopplungsartefakte reduzieren – mit Verarbeitungszeiten, die für den realen Einsatz taugen. Wann diese Ansätze flächendeckend in die Versorgung eingehen, hängt weniger von der Forschung ab als von der Bereitschaft der Hersteller, etablierte Systemarchitekturen grundlegend neu zu denken.