Menschen mit Hörgeräten kommen im Alltag meist gut mit ihren Geräten zurecht. Trotzdem fühlen sich viele psychisch stärker belastet als Menschen ohne Hörverlust. Das zeigt eine Studie aus Italien, die Erwachsene mit beidseitiger Hörgeräteversorgung mit normalhörenden Personen verglichen hat. Untersucht wurde, wie sich Hörgeräte auf Wohlbefinden, soziale Sicherheit und das eigene Körperbild auswirken.
Worum es in der Studie ging
Für die Untersuchung wurden 96 Erwachsene mit zwei Hörgeräten und 85 normalhörende Personen miteinander verglichen. Alle Hörgeräteträger waren zwischen 18 und 65 Jahre alt und nutzten ihre Geräte bereits mindestens ein Jahr. Die Studie wurde am Universitätsklinikum Modena durchgeführt.
Die Forscher wollten wissen, ob Hörgeräte zwar das Hören verbessern, aber trotzdem Gefühle wie Unsicherheit, Anspannung oder Scham bestehen bleiben. Dafür nutzten sie mehrere standardisierte Fragebögen. Darin ging es unter anderem um psychische Belastungen, soziale Ängste und die Frage, wie wohl sich die Teilnehmer mit ihrem eigenen Aussehen fühlen.
Hörgeräteträger berichten häufiger von Belastungen
Die Ergebnisse zeigen ein klares Bild: Die Teilnehmer mit Hörgeräten gaben in mehreren Bereichen höhere Belastungswerte an als die normalhörende Vergleichsgruppe. Das betraf unter anderem Depression, Angst, körperbezogene Sorgen, Unsicherheit im Umgang mit anderen Menschen und soziale Ängste.
Besonders deutlich wird das beim Gesamtwert zur sozialen Angst. In der Hörgeräte-Gruppe lag dieser bei 33,99 Punkten, in der Kontrollgruppe bei 13,68 Punkten. Laut Studie spricht der Wert der Hörgeräteträger für eine milde soziale Angst.
Das bedeutet: Viele Betroffene fühlen sich im Kontakt mit anderen Menschen unsicherer – selbst dann, wenn sie ihre Hörgeräte bereits lange tragen.
Mit den Geräten zufrieden – und trotzdem nicht unbeschwert
Gleichzeitig zeigt die Studie, dass die Hörgeräte im Alltag gut akzeptiert werden. Die Teilnehmer nutzten sie regelmäßig und bewerteten ihren Nutzen insgesamt positiv. Beim Fragebogen IOI-HA, der speziell die Erfahrungen mit Hörgeräten erfasst, lagen die Werte für tägliche Nutzung, Nutzen und Zufriedenheit auf einem insgesamt guten Niveau.
Genau darin liegt der wichtige Punkt der Untersuchung: Besser hören bedeutet nicht automatisch, sich auch psychisch wohler zu fühlen. Die Geräte helfen im Alltag, lösen aber nicht in jedem Fall die Sorgen, die mit einem Hörverlust oder mit der Sichtbarkeit der Hörgeräte verbunden sein können.
Sichtbarkeit spielt offenbar eine Rolle
In der Studie wurden 61 Personen mit Hinter-dem-Ohr-Geräten (BTE) und 35 Personen mit Im-Ohr-Geräten (ITE) erfasst. Beim Sprachverstehen mit Hörgeräten gab es zwischen beiden Gruppen keine deutlichen Unterschiede.
In der Auswertung zeigte sich aber, dass bei Trägern von BTE-Geräten psychische Belastung, soziale Unsicherheit und Probleme mit dem eigenen Körperbild stärker ausgeprägt waren als bei Personen mit ITE-Geräten. Die Autoren sehen dafür einen möglichen Grund in der größeren Sichtbarkeit von Hinter-dem-Ohr-Systemen.
Was die Ergebnisse bedeuten
Die Studie macht deutlich, dass eine Hörgeräteversorgung mehr ist als eine technische Lösung. Selbst wenn die Geräte gut funktionieren und regelmäßig getragen werden, können Stigma, Scham oder soziale Unsicherheit bestehen bleiben.
Für Betroffene, Angehörige und Fachleute ist das ein wichtiger Hinweis: Gute Versorgung endet nicht beim besseren Hören. Ebenso wichtig ist die Frage, wie sicher und selbstverständlich sich Menschen mit ihren Hörgeräten im Alltag fühlen.