„Mit mehr als 70 Hörzentren in Belgien“ wirbt Hoorcentrum Aerts heute auf der eigenen Website. Nur: Noch im August 2025 sprach Voka, das Netzwerk für flämische Unternehmer in Belgien, von 59 Standorten in Vlaanderen und einem Plan von 64 in Belgien plus 4 in Spanien bis Ende 2025. Die spanische Website wiederum zeigt öffentlich derzeit nur einen klar sichtbaren Standort in Santurtzi bei Bilbao. Das ist mehr als eine Ungenauigkeit in der Kommunikation. Es ist der Moment, in dem aus einer regionalen Wachstumsgeschichte ein strategischer Fall wird:
Aerts wächst inzwischen so schnell, dass die operative Realität der Kette der offiziellen Erzählung vorausläuft.
Im europäischen Hörakustikmarkt entscheidet sich gerade, ob künftig nur noch vertikal integrierte Großgruppen skalieren können – oder ob auch ein unabhängiger Mittelständler eine grenzüberschreitende Plattform bauen kann. Hoorcentrum Aerts ist klein im Vergleich zu Sonova, Demant oder Amplifon. Aber strategisch testet das Unternehmen bereits dieselbe Frage wie die Großen: Wem gehört der Kundenzugang, wem gehört der Prozess, und wer kann sein Modell über Ländergrenzen hinweg replizieren?
Der Markt wächst nicht nur – er kippt strukturell
Der Rückenwind ist real. Der Anteil der Über-65-Jährigen in der EU ist laut Eurostat seit 2004 von rund 16 % auf rund 22 % im Jahr 2024 gestiegen. Gleichzeitig zeigen EuroTrak-Daten, dass die Versorgungslücke in Europa zwar kleiner wird, aber groß bleibt: In Belgien berichten 10,0 % der Bevölkerung über Hörverlust; 41 % dieser Gruppe nutzen Hörgeräte. In Spanien berichten 10,6 % über Hörverlust; dort liegt die Nutzungsquote bei 39 %. Die Nachfrage wächst also nicht nur durch Alterung, sondern auch durch noch unerschlossene Penetration.
Der zweite Strukturbruch ist die Vertikalisierung. Sonova beschreibt für 2024/25 ein Audiological-Care-Netz von rund 3.600 Verkaufsstellen in 20 Märkten. Demant meldet nach der KIND-Übernahme mehr als 4.500 Kliniken weltweit. Amplifon operiert nach eigenen Angaben über ein Netz von mehr als 10.000 Verkaufsstellen und baute 2025 seine Präsenz in Polen durch die Übernahme von KIND Poland auf mehr als 230 Stores aus.
Der Markt wird also nicht nur größer – er wird von Plattformen organisiert, die Versorgung, Vertrieb, Daten, Marke und Finanzierung in einem System bündeln.
In so einem Markt ist die klassische Lesart unabhängiger Händler zu simpel. Ein einzelnes Fachgeschäft konkurriert gegen Konzerne fast zwangsläufig auf verlorenem Posten. Eine organisierte Kette mit standardisierten Abläufen, regionaler Dichte und eigener Arbeitgebermarke dagegen spielt bereits ein anderes Spiel. Genau an dieser Schwelle steht Aerts.
Die Akteure – und warum sie so handeln
Tom Aerts verfolgt sichtbar ein Ziel, das über Belgien hinausgeht. Voka zitiert ein Zielbild von 400 Hörzentren; zugleich betont das Unternehmen, vollständig ohne Übernahmen gewachsen zu sein. Das ist strategisch bemerkenswert. Wer so expandiert, will nicht einfach Größe kaufen, sondern ein Betriebsmodell bauen, das sich wiederholen lässt. Die persönliche Gründererzählung – Großtante, Ehefrau, Sohn – ist dabei nicht nur Branding, sondern ein Instrument kultureller Kohärenz in einer serviceintensiven Branche.
Die Großgruppen – Sonova, Demant, Amplifon – handeln aus einer anderen Logik heraus. Sie suchen nicht primär lokale Exzellenz, sondern Systemmacht: Einkaufsmacht, Herstellerzugang, Omnichannel-Steuerung, Datennutzung, Auslastung des Personals, Cross-Selling und geografische Redundanz. Retail ist für sie nicht nur Vertrieb, sondern die Stelle, an der Marge, Marke und Kundendaten zusammenlaufen. Deshalb kaufen sie Netze zu und professionalisieren Prozesse entlang der gesamten Versorgungskette.
Belgien und Spanien sind in diesem Bild keine bloßen Länder, sondern zwei unterschiedliche Marktlogiken. Belgien wirkt reifer, mit höherer Drittfinanzierung und höherer Nutzungsquote; Spanien wirkt unterversorgter und preis- bzw. reimbursementsensibler. In Belgien erhielten laut EuroTrak 85 % der Hörgeräteträger irgendeine Drittfinanzierung; unter Nicht-Nutzern wussten aber nur 39 %, ob Zuschüsse überhaupt möglich sind. In Spanien ist öffentliche Finanzierung laut EuroTrak im Kern auf Menschen bis 26 Jahre fokussiert; nur 11 % der hörbeeinträchtigten Nicht-Nutzer erwarten dort überhaupt eine Kostenerstattung. Wer in solchen Märkten gewinnt, verkauft nicht nur Technik, sondern navigiert Patienten durch ein administratives und psychologisches Conversion-Problem.
Das Strukturmodell: Die strategische Zange
Die Dynamik lässt sich auf vier Kräfte reduzieren:
Erstens: Demografie.
Mehr ältere Europäer bedeuten strukturell mehr Hörverlust und mehr Bedarf. Das stützt das Marktvolumen langfristig.
Zweitens: Vertikale Plattformmacht.
Die Großgruppen kontrollieren Herstellerbeziehungen, Retailformate, digitale Journeys und teilweise auch Reimbursement-Kompetenz. Das erzeugt Skalenvorteile, gegen die Einzelanbieter kaum ankommen.
Drittens: Prozessstandardisierung.
Aerts hat früh in Auditdata-Workflows und Microsoft Dynamics 365 investiert. Das signalisiert: Der eigentliche Vermögenswert ist nicht nur das Filialnetz, sondern ein reproduzierbares Betriebsprotokoll.
Viertens: operative Kohärenz.
Hier liegt die Sollbruchstelle. Wenn eine Kette öffentlich gleichzeitig mit 64, 68, 70+ oder 60+ operiert, dann ist nicht Nachfrage das Problem, sondern Synchronisation. Ab einer gewissen Größe wird das Unternehmen nicht an Marktpotenzial scheitern, sondern an Datenhygiene, Markenführung, Personaleinsatz, Terminlogik und zentralem Backoffice.
Die Zange besteht also aus externem Rückenwind und internem Komplexitätsdruck. Demografie zieht das Modell nach vorne; Skalierung frisst gleichzeitig seine organisatorische Einfachheit auf.
Aerts kopiert nicht den Konzern – er kopiert die Logik
Historisch gibt es in fragmentierten Dienstleistungsmärkten zwei Wege zu Größe. Der erste ist das klassische Konsolidierungs-Playbook: Netze kaufen, Marke vereinheitlichen, Backoffice zentralisieren. Das sieht man in Augenoptik, Zahnarztketten, Tierkliniken, Dialysezentren, Fitness und eben in der Hörakustik.
Genau dieses Muster spielen die großen Gruppen.
Aerts versucht etwas Schwierigeres: Scale bauen statt kaufen. Das erinnert eher an das frühe Filialmodell spezialisierter Gesundheits- und Servicenetzwerke, die Dichte organisch aufgebaut haben, um Kultur, Qualitätsversprechen und standardisierte Abläufe nicht durch hektisches M&A zu verwässern.
Der Preis dafür ist höher: langsameres Wachstum, höherer Managementaufwand, längere Payback-Zyklen pro Standort. Der Vorteil ist strategisch enorm: Wer organisch wächst, lernt sein Modell wirklich zu betreiben – nicht nur Bilanzposten zu addieren.
Der Spanien-Schritt passt genau in dieses Playbook.
Bilbao wirkt nicht wie imperialer Flächenangriff, sondern wie ein Portability-Test: erst eine Region, dann ein Cluster, dann Skalierung. Dass die spanische Marke sprachlich und kulturell angepasst ist, aber inhaltlich mit „belgischer Qualität“, Mehrmarkenfähigkeit und Langfrist-Service aufgeladen wird, ist kein Detail. Das ist das Lehrbuchmuster für den Export eines Dienstleistungsmodells: lokal ansprechbar, operativ zentral lesbar.
Warum Hörakustik gerade europäisch wird
Hörakustik war lange ein lokales Geschäft: Fachbetrieb, Anpassung, Nachsorge, persönliche Beziehung. Das stimmt operativ noch immer. Aber strategisch wird das Geschäft europäisch, weil vier Systeme übereinanderliegen.
Das erste System ist die Lieferkette: Gerätehersteller, Software, Diagnostik, Zubehör, Schulung.
Das zweite ist das Regulierungssystem: Erstattung, ärztliche Einbindung, lokale Finanzierung.
Das dritte ist das Arbeitsmarktsystem: Audiologen und Hörakustiker werden zum Engpass, weil nicht die Nachfrage knapp ist, sondern qualifiziertes Personal.
Das vierte ist das Datensystem: Wer klinische Prozesse, CRM, Termine, Reimbursements und Nachsorge digitalisiert, baut einen echten Skalenvorteil auf.
Darum ist Spanien für Aerts mehr als ein zweiter Markt. Es ist ein Test, ob sich ein in Belgien entwickeltes Prozess- und Kulturmodell in ein anderes Erstattungs- und Nachfrageumfeld übersetzen lässt. Gelingt das, entsteht aus einem belgischen Independent ein europäischer Operator. Scheitert es, bleibt Aerts ein sehr guter Heimatmarktspieler mit zu großer Ambition.
Auch Tom Aerts’ Rolle in der EUHA ist hier nicht nebensächlich. Wer als Mitglied des Executive Committee in europäischen Branchenstrukturen mitwirkt, denkt nicht mehr nur in Quadratmetern Verkaufsfläche, sondern in Verbandsmacht, Regulierungsverständnis und Marktarchitekturen. Das ist oft der Punkt, an dem ein Unternehmer vom Betreiber zum Systemspieler wird.
Aerts baut kein Filialnetz. Er baut ein exportierbares Betriebsmodell.
Das ist der entscheidende Unterschied. Die sichtbaren Standorte sind nur die Oberfläche. Das eigentliche Asset ist die Kombination aus Gründerkultur, standardisiertem klinischem Workflow, digitalisiertem Backoffice und regionaler Verdichtung. Darin liegt die strategische Qualität des Falls.
Der Markt unterschätzt solche Unternehmen oft, weil er auf absolute Größe schaut. Das ist ein Fehler. In fragmentierten Healthcare-Services entscheidet nicht zuerst Bilanzgröße, sondern Replizierbarkeit. Wer beweist, dass sein Modell in einer zweiten Geografie funktioniert, erhöht seinen strategischen Wert sprunghaft – für Partner, für Wettbewerber und irgendwann auch für Kapital.
Aber genau hier liegt auch die härteste Wahrheit:
Aerts’ größtes Risiko ist nicht Sonova, nicht Amplifon und nicht die allgemeine Marktnachfrage. Das größte Risiko ist, dass das Unternehmen zu schnell von einer sehr guten Kette in eine noch nicht beherrschte Plattform hineinwächst.
Langfristig gewinnen in diesem Markt daher nicht automatisch die Größten, sondern die, die Größe und operative Wahrheit zusammenhalten. Wenn Aerts das schafft, ist das Unternehmen einer der wenigen unabhängigen europäischen Herausforderer mit echter Plattformoption. Wenn nicht, wird es entweder in seiner Komplexität steckenbleiben oder irgendwann ein attraktives Übernahmeziel für genau jene Gruppen, gegen die es heute als Alternative gelesen wird.
Was jetzt strategisch wichtig wird
Für Unternehmen in der Branche:
Aerts sollte nicht mehr als „belgischer Independent“ verbucht werden. Öffentlich belastbar ist heute mindestens ein Netz von 68 Standorten gruppenweit nach der Voka-Planung, während die Eigenkommunikation bereits 70+ in Belgien signalisiert. Das macht Aerts relevant als Arbeitgeber, Standortkonkurrent, Empfehlungsadresse und potenziellen Konsolidierer zweiter Reihe.
Für Hersteller:
Solche Ketten werden strategisch wichtiger, weil sie zwischen Einzelhandel und Großkonzern eine dritte Kategorie bilden: groß genug für Verhandlungsmacht, klein genug für unternehmerische Geschwindigkeit. Wer Aerts früh eng bindet, sichert sich einen wachsenden unabhängigen Kanal in Benelux – und vielleicht perspektivisch in Südeuropa.
Für Investoren:
Der eigentliche Wert liegt nicht in der heutigen Filialzahl, sondern in der Frage, ob Spanien zum Beweis für Modell-Portabilität wird. Gelingt das, verschiebt sich die Bewertung von „gute regionale Kette“ zu „plattformfähiger Operator“. In konsolidierenden Gesundheitsdienstleistungen ist das der Punkt, an dem Multiples sich verändern. Diese Aussage ist eine strategische Schlussfolgerung aus der Marktstruktur, nicht eine öffentlich gemeldete Bewertung.
Für Europa:
Der Fall zeigt, dass europäische Mittelständler auch in von Konzernen dominierten Gesundheitsmärkten noch eine Chance haben – aber nur, wenn sie früh in Standardisierung, Daten und Employer Brand investieren. Europa produziert viele gute Fachbetriebe, aber wenige skalierbare Betreiber. Aerts testet gerade, ob aus einem lokalen Spezialisten ein europäischer Betreiber werden kann.
Fünf Sätze, die man sich merken sollte
- Der europäische Hörakustikmarkt ist kein lokaler Handwerksmarkt mehr, sondern ein Plattformmarkt mit demografischem Rückenwind.
- Hoorcentrum Aerts ist strategisch interessanter als seine absolute Größe vermuten lässt, weil es organisch ein replizierbares Betreiber-Modell aufbaut.
- Spanien ist nicht Symbolpolitik, sondern der entscheidende Proof-of-Portability-Test.
- Das größte Risiko liegt nicht in der Nachfrage, sondern in der operativen Kohärenz einer schnell wachsenden Kette.
- Wenn Aerts Spanien sauber skaliert und seine Prozess- und Markenarchitektur synchronisiert, ist das Unternehmen nicht mehr nur eine belgische Erfolgsgeschichte, sondern ein seltener unabhängiger europäischer Herausforderer.