Mit dem Eigentümerwechsel bei Kind beginnt für den Hörakustikfilialisten eine neue Phase. Geschäftsführer Claus Magnusson Beck sieht nach der Übernahme durch den dänischen Demant-Konzern gute Wachstumsperspektiven, insbesondere vor dem Hintergrund einer alternden Bevölkerung. Gleichzeitig stehen tiefgreifende Veränderungen an: Während zusätzliche Filialen und ein Ausbau des Standorts Großburgwedel geplant sind, wird der Produktionsstandort Audifon in Kölleda geschlossen. Die Gewerkschaft Verdi drängt zudem auf Tarifverhandlungen.

Neuer Geschäftsführer übernimmt nach Eigentümerwechsel

Seit Dezember 2025 führt der Däne Claus Magnusson Beck die Geschäfte von Kind. Der 43-Jährige übernahm die Leitung wenige Wochen nach Abschluss der Übernahme durch den börsennotierten Hörakustik- und Medizintechnikkonzern Demant. Im Gespräch mit der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung äußerte sich Beck anerkennend über das Unternehmen: „Ich bin positiv überrascht“, sagte er mit Blick auf die Stärken des traditionsreichen Hörakustikers.

Kind war Anfang der 1950er-Jahre gegründet worden und gehörte bis zum Verkauf der Unternehmerfamilie Kind. Nach Angaben der Zeitung lag der Kaufpreis bei rund 700 Millionen Euro. Das Bundeskartellamt genehmigte die Transaktion im November 2025.

Demant bündelt Strukturen – Marke Kind bleibt erhalten

Mit der Übernahme entstand einer der größten Filialverbünde im deutschen Hörakustikmarkt. Zusammen verfügte Demant damit über rund 950 Fachgeschäfte in Deutschland. Neben Kind gehören unter anderem die Marken Audika und Ritter zum Filialnetz.

Nach Angaben von Beck konzentriert sich Demant zunächst auf die Zusammenführung interner Prozesse. Zunächst würden IT und Finanzwesen vereinheitlicht, anschließend sollen organisatorische Strukturen im Personalbereich angepasst werden. Die Unternehmenszentrale in Großburgwedel bleibt erhalten. Auch der Kokenhof, der als Boardinghouse für Mitarbeitende genutzt wird, soll weiterhin bestehen.

An der bekannten Marke werde ebenfalls festgehalten. Beck begründete dies mit den Investitionen des Mutterkonzerns: „Der Name bleibt.“

Wachstum durch demografische Entwicklung

Die Unternehmensführung sieht den deutschen Hörakustikmarkt weiterhin auf Wachstumskurs. Beck verweist dabei auf die zunehmende Alterung der Bevölkerung. Mit steigender Lebenserwartung wächst auch die Zahl der Menschen mit Hörminderungen – ein langfristiger Trend, der die Nachfrage nach Hörsystemen erhöht.

Nach Angaben des Geschäftsführers vergehen im Durchschnitt rund sieben Jahre, bis Betroffene nach den ersten wahrgenommenen Hörproblemen tatsächlich ein Hörgerät nutzen. Darin sieht das Unternehmen weiteres Entwicklungspotenzial. Konkrete Ziele für Umsatz oder die Zahl neuer Standorte nannte Beck jedoch nicht.

Fest steht nach seinen Aussagen lediglich, dass das Unternehmen zusätzliche Fachgeschäfte eröffnen möchte und der Standort Großburgwedel wachsen soll. Dort arbeiten derzeit rund 360 Beschäftigte. Beck kündigte an, dass in zwei Jahren mehr Mitarbeitende dort tätig sein sollen als heute.

Audifon-Standort in Kölleda wird geschlossen

Während Kind im Filialgeschäft expandieren will, kommt es im Produktionsbereich zu einem erheblichen Einschnitt. Der zur Unternehmensgruppe gehörende Hörgerätehersteller Audifon in Kölleda (Thüringen) soll Ende Oktober 2026 den Betrieb einstellen.

Als Begründung nennt der Konzern eine „strategische Bewertung“ des Standorts. Angaben zur Zahl der betroffenen Beschäftigten machte Demant nicht. Nach Informationen der IG Metall Erfurt verlieren jedoch rund 160 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz. Ein Sozialplan sei bereits mit den Arbeitnehmervertretungen vereinbart worden.

Tarifkonflikt belastet den Neustart

Parallel zur Integration des Unternehmens hält der Konflikt mit Verdi an. Die Gewerkschaft fordert Tarifverhandlungen mit dem Ziel, die Beschäftigten nach dem Einzelhandelstarifvertrag zu vergüten. Für den 3. Juli 2026 rief Verdi Beschäftigte der Zentrale sowie der Fachgeschäfte in Niedersachsen und Bremen zu einem ganztägigen Warnstreik auf. Bereits im Juni hatte es Arbeitskampfmaßnahmen gegeben.

Beck bewertet die Rolle der Gewerkschaft zurückhaltend. Gegenüber der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung erklärte er: „Wir respektieren Verdi. Gleichzeitig stellen wir infrage, ob die Gewerkschaft die Vielfalt der Sichtweisen unserer 2700 Mitarbeitenden vollständig widerspiegelt.“ Für das Unternehmen sei der gewählte Betriebsrat der zentrale Ansprechpartner in Personalfragen.

Verdi hält dagegen an seiner Forderung fest. Der hannoversche Gewerkschaftssekretär Mizgin Ciftci wirft der Unternehmensleitung laut Zeitung eine „Ignoranz gegenüber den berechtigten Forderungen der Beschäftigten“ vor.

Einordnung: Chancen und Herausforderungen nach der Integration

Die Übernahme von Kind durch Demant verbindet zwei bedeutende Anbieter im deutschen Hörakustikmarkt und stärkt die Marktposition des dänischen Konzerns. Während die geplante Expansion der Filialstruktur auf langfristiges Wachstum ausgerichtet ist, zeigt die Schließung des Audifon-Werks zugleich, dass die erwarteten Synergien auch mit strukturellen Veränderungen verbunden sind.

Wie erfolgreich die Integration verläuft, wird sich nicht nur an der wirtschaftlichen Entwicklung messen lassen. Auch der Umgang mit den Beschäftigten und die weitere Entwicklung des Tarifkonflikts dürften die nächsten Monate prägen.