Man muss dem Widex-Marketing eines lassen: Mut. Es braucht eine gewisse Chuzpe, jahrelang David Garrett durch die eigene Kommunikation zu führen – Geige, Perfektion, der natürliche Klang als Lebensphilosophie –, um dann mit Buzz Dee von Knorkator um die Ecke zu biegen. Das ist, als würde Rolex als nächsten Markenbotschafter jemanden verpflichten, der seine Uhr beim Pogo verloren hat.

Aber der Reihe nach.

Ein Testimonial kommt selten allein

Knorkator, für alle, die das Berliner Kulturerbe noch nicht vollständig verinnerlicht haben, ist eine Band. Sie bezeichnet sich selbst als „Deutschlands meiste Band der Welt“ – was klingt wie ein Grammatikfehler, aber Programm ist. Ihr Repertoire umfasst Titel wie „Arschgesicht“, „Wir werden alle sterben“, „Zähneputze, Pullern und ab ins Bett“ und „Ich will nur ficken“. Das ist keine Diffamierung, das ist die Setlist. Die Band steht dazu, und das ist durchaus respektabel. Konsequenz ist eine Tugend, auch im Heavy Metal.

Buzz Dee, bürgerlich Sebastian Baur, ist Gitarrist dieser Formation. Seit rund 50 Jahren macht er Musik, was seinen Ohren nicht verborgen geblieben ist. Er hat eine Hörminderung, trägt jetzt Widex Allure Hörsysteme und beschreibt sie als „hammermäßig“. Das glaubt man ihm sofort. Es klingt sogar ehrlich.

Und trotzdem fragt man sich: In welchem Meeting ist diese Idee nicht gestorben?

Vom Geigenspieler zum Gitarrenzertrümmerer

David Garrett, der Vorgänger auf dem Widex-Thron, kam mit dem Anspruch: „Leidenschaft für Klang in seinen verschiedensten Ausprägungen macht Widex und mich zu perfekten Partnern.“ Garrett sprengte musikalische Grenzen, ja – aber im Crossover-Sinne, nicht im Sinne von Bühnenequipment, das nach dem Konzert in Einzelteilen vorliegt. Der Facebook-Post zur Zusammenarbeit mit Garrett schoss damals durch die Decke. Kein Wunder: Es passte. Marke, Mensch, Botschaft – ein Dreieck ohne Widerspruch.

Dann kam Buzz Dee.

Man stelle sich die Präsentation vor. Irgendwo in Stuttgart, im Konferenzraum des größten europäischen Widex-Ablegers, Folie zwölf: „Neue Zielgruppen erschließen. Authentizität stärken. Reichweite erhöhen.“ Nikkendes Kopfwiegen. Jemand sagt: „Knorkator hat eine treue Community.“ Alle nicken. Niemand fragt, ob diese Community auch die Zielgruppe für Hörgeräte ist, die bis zu 3.000 Euro pro Gerät kosten.

Das nennt man dann strategische Kommunikation.

Authentizität als Universalausrede

Es ist das beliebteste Wort im modernen Marketing und das meistmissbräuchlichste: Authentizität. Es rechtfertigt mittlerweile alles. Jede Kooperation, die auf den ersten Blick keinen Sinn ergibt, wird mit Authentizität veredelt wie billiger Wein mit einem hübschen Etikett. Buzz Dee trägt seine Hörgeräte wirklich. Er meint es ernst. Er ist authentisch.

Schön. Aber Authentizität ist keine Markenstrategie. Sie ist eine Eigenschaft von Menschen, keine von Kampagnen. Und eine Marke, die auf Klangperfektion und Premiumtechnologie besteht – „Gutes Hören ist kein Luxus – gutes Hören ist Premium-Hightech“ –, braucht mehr als einen authentischen Testimonial. Sie braucht einen, der diese Aussage verkörpert, ohne dass man dabei erklären muss, wie das gemeint ist.

Bei Garrett musste man nicht erklären. Bei Buzz Dee schreibt Widex lieber ein ausführliches Interview.

Der Schaden, den man nicht hört

Das Tückische an Markenerosion ist ihre Stille. Kein lauter Knall, kein messbarer Einbruch am nächsten Morgen. Nur ein leises Verschieben. Ein Testimonial hier, das nicht passt. Eine Kampagne dort, die irritiert. Und irgendwann fragt sich der Hörakustiker am Point of Sale, was Widex eigentlich für eine Marke ist – und findet keine klare Antwort mehr.

Die Allure-Plattform mit neuem W1-Chip und einer Signalverarbeitungszeit unter 0,5 Millisekunden ist ein ernsthaftes technologisches Argument. Es wäre schade, wenn es in der Erinnerung an Buzz Dee untergeht.

Aber vielleicht ist das ja der Plan. Disruption. Aufmerksamkeit. Neues Publikum.

Man hört es förmlich durch den Konferenzraum hallen.