Fünf Forscher erhalten gemeinsam den mit 400.000 US-Dollar dotierten Richard N. Merkin Prize für die Entwicklung der Technologie, die heute über eine Million Menschen das Hören ermöglicht.
Das Broad Institute in Cambridge, Massachusetts, hat am 15. Juni 2026 den Richard N. Merkin Prize in Biomedical Technology an fünf Wissenschaftler und Ingenieure verliehen: Graeme Clark, Erwin Hochmair, Ingeborg Hochmair, Michael Merzenich und Blake Wilson. Gewürdigt wird ihre Arbeit an der Entwicklung des modernen Cochlea-Implantats – dem ersten medizinischen Gerät, das über eine direkte Schnittstelle zum Nervensystem einen menschlichen Sinn erzeugt. Die Preissumme von 400.000 US-Dollar wird unter den fünf Preisträgern aufgeteilt.
Warum diese Auszeichnung jetzt kommt
Mehr als eine Million gehörlose oder stark schwerhörige Menschen weltweit nutzen Cochlea-Implantate, um Zugang zu Schall und gesprochener Sprache zu erhalten. Die Technologie wandelt Schall in elektrische Signale um, die direkt an den Hörnerv weitergeleitet werden. Eine aus neun internationalen Wissenschaftlern bestehende Auswahlkommission unter Vorsitz von Nobelpreisträger Harold Varmus wählte das Team aus eingereichten Nominierungen aus. Die offizielle Preisverleihung findet im September statt.
Richard Merkin, Gründer und CEO des Heritage Provider Network und Namensgeber des Preises, würdigte die Leistung der Preisträger als wegweisend für das Verständnis von Klang und Hören bei Millionen von Menschen.
Wie aus einer Idee ein Massenprodukt wurde
Die Grundlagen für das heutige Cochlea-Implantat wurden ab den späten 1960er- und frühen 1970er-Jahren an verschiedenen Orten der Welt unabhängig voneinander gelegt – ein Umstand, den Varmus als besonderes Merkmal dieser Auszeichnung hervorhob.
Ingeborg Hochmair und Erwin Hochmair entwickelten ab 1975 an der Technischen Universität Wien das erste mehrkanalige Mikroelektronik-Cochlea-Implantat. Am 16. Dezember 1977 wurde dieses Gerät erstmals einer gehörlosen Patientin in Wien eingesetzt. Die beiden gründeten anschließend das Unternehmen MED-EL, das heute zu den weltweit größten Herstellern von Hörimplantaten zählt.
In Australien kam Graeme Clark, HNO-Chirurg mit gehörlosem Vater, nach seiner Promotion 1969 zu dem Schluss, dass eine mehrkanalige elektrische Stimulation für das Sprachverständnis nötig ist. An der University of Melbourne entwickelte er ein subkutanes Empfänger-Stimulator-System, das er am 1. August 1978 erstmals einem Patienten einsetzte. Daraus entstand 1985 das erste von der FDA zugelassene Mehrkanal-Implantat – und das Unternehmen Cochlear.
Michael Merzenich legte ab den frühen 1970er-Jahren an der University of California, San Francisco, die neurophysiologischen Grundlagen, um Implantate sinnvoll mit dem Gehirn zu verbinden. 1974 brachte er über 50 Experten und Regierungsvertreter zusammen, um die Entwicklung mehrkanaliger Implantate voranzutreiben. Seine Arbeit führte ab Ende der 1980er-Jahre zur kommerziellen Fertigung durch Advanced Bionics.
Der fehlende Baustein: verständliche Sprache
Mitte der 1980er-Jahre waren Mehrelektroden-Implantate zwar klinisch im Einsatz, ihre Leistung blieb aber uneinheitlich – das Problem lag in der Signalverarbeitung. Blake Wilson löste dieses Problem 1989 an der Duke University und beim heutigen RTI International mit der Strategie „Continuous Interleaved Sampling“ (CIS), die bei über 80 Prozent der Nutzer ein deutlich besseres Sprachverständnis ermöglichte. Damit wurde das Cochlea-Implantat endgültig von einem experimentellen Verfahren zu einer etablierten klinischen Option.
Bedeutung über die Audiologie hinaus
Der Erfolg des Cochlea-Implantats hat laut Auswahlkomitee auch den Weg für neue neuronale Prothesen im Bereich Sehen und Motorik bereitet, da er zeigte, dass die Stimulation einzelner Elektrodenpunkte einen Sinneseindruck erzeugen kann. Komiteemitglied Emery Brown (MIT) bezeichnete die Entwicklung als Zusammenspiel von Neurophysiologie, Technik und Verhaltenswissenschaft.
Der Merkin Prize wird vom Broad Institute administriert und zeichnet Technologien mit nachweisbarem Einfluss auf die menschliche Gesundheit aus.