Eine groß angelegte Studie aus den USA liefert neue Hinweise darauf, wie der Morbus Menière entsteht – eine Erkrankung des Innenohrs, die plötzliche Schwindelanfälle, Hörprobleme und Ohrgeräusche auslösen kann. Forschende der University of Pennsylvania um Douglas Epstein, Bogdan Pasaniuc und Iain Mathieson haben dafür Erbgut-Daten von fast zwei Millionen Menschen ausgewertet. Veröffentlicht wurde die Arbeit im Fachjournal American Journal of Human Genetics. Das Ergebnis: Die Krankheit könnte ihren Ursprung schon in der Entwicklung des Innenohrs vor der Geburt haben – nicht erst im Erwachsenenleben, wie bisher angenommen.
Was ist Morbus Menière überhaupt?
Morbus Menière ist eine chronische Erkrankung des Innenohrs. Betroffene leiden typischerweise unter wiederkehrenden Anfällen von starkem Drehschwindel, einem schwankenden Hörverlust, Tinnitus (einem Klingeln, Brummen oder Rauschen im Ohr) und einem Druckgefühl im Ohr. Die Erkrankung betrifft schätzungsweise eine von 2.000 Personen.
Lange ging man davon aus, dass die Beschwerden allein durch eine Störung im Flüssigkeitshaushalt des Innenohrs entstehen – einen sogenannten endolymphatischen Hydrops, also eine Art Flüssigkeitsstau. Warum es bei manchen Menschen zu diesem Stau kommt, war bislang jedoch ein Rätsel.
Die größte genetische Untersuchung dieser Art
Für die neue Studie verglichen die Forschenden 8.969 Menschen mit Morbus Menière mit fast zwei Millionen Menschen ohne die Erkrankung. Die Daten stammen aus fünf großen internationalen Datenbanken: All of Us, dem Million Veteran Program, der UK Biobank, FinnGen und Biobank Japan. Damit ist es die bislang umfangreichste genetische Untersuchung zu dieser Erkrankung überhaupt.
Das Team fand fünf bestimmte Stellen im Erbgut, die mit einem erhöhten Risiko für Morbus Menière zusammenhängen. Besonders auffällig waren zwei Gene namens EYA4 und EYA1. Beide sind dafür bekannt, dass sie bei der Entwicklung des Innenohrs eine Rolle spielen – also schon im Mutterleib aktiv sind. Ein weiteres wichtiges Gen, CYP26A1, steuert den Spiegel von Retinsäure im Körper, einem Stoff, der aus Vitamin A gebildet wird.
Warum Vitamin A plötzlich eine Rolle spielt
Retinsäure mag zunächst nach einem ungewöhnlichen Zusammenhang klingen, ist aber für die Forschenden ein wichtiger Baustein. Der Stoff steuert während der Entwicklung im Mutterleib, wie sich Organe – darunter auch das Innenohr – formen. Offenbar beeinflusst er auch später noch, wie gut das Innenohr Druck und Flüssigkeit reguliert.
Das verbindet zwei bislang getrennte Erklärungsansätze: die alte Theorie vom Flüssigkeitsstau im Ohr und die neue Erkenntnis, dass schon die Bauweise des Innenohrs vor der Geburt eine Rolle spielen könnte. Douglas Epstein erklärt das so: „Unsere Ergebnisse legen nahe, dass Morbus Menière nicht nur durch ein Flüssigkeitsungleichgewicht im späteren Leben entsteht. Stattdessen könnte die Erkrankung mit kleinen Unterschieden beginnen, wie das Innenohr ursprünglich angelegt wird. Diese Unterschiede liegen meist im normalen Bereich, könnten manche Menschen aber Jahrzehnte später anfälliger für Probleme machen.“
Vereinfacht gesagt: Manche Menschen kommen vermutlich schon mit einem Innenohr zur Welt, das im Grunde gesund, aber etwas weniger widerstandsfähig ist. Erst im Lauf des Lebens – etwa durch Alterungsprozesse, Entzündungen oder Veränderungen der Blutgefäße – kann daraus dann tatsächlich die Krankheit entstehen.
Auch andere Beschwerden hängen offenbar zusammen
Die Studie zeigte außerdem, dass Morbus Menière genetische Überlappungen mit anderen Erkrankungen aufweist: mit Hörverlust, Tinnitus, Schwindel, Migräne und sogar Schlafapnoe (nächtlichen Atemaussetzern). Das deutet darauf hin, dass diese auf den ersten Blick ganz unterschiedlichen Beschwerden teilweise gemeinsame biologische Ursachen haben könnten.
Bogdan Pasaniuc bringt den Nutzen der Studie auf den Punkt: „Das gibt uns einen deutlich klareren Ausgangspunkt. Lange war Morbus Menière schwer zu erforschen, weil wir nicht wussten, auf welche biologischen Systeme wir uns konzentrieren sollten. Jetzt haben wir starke Belege für bestimmte relevante Signalwege.“
Ein Gentest ist trotzdem noch in weiter Ferne
Wichtig ist die Einordnung der Forschenden selbst: Die gefundenen Erbgut-Veränderungen erklären nach ihrer Schätzung nur rund 7 Prozent des gesamten Erkrankungsrisikos. Das bedeutet, dass Morbus Menière derzeit weder durch einen Gentest vorhergesagt noch sicher diagnostiziert werden kann. Die häufigen Genvarianten aus dieser Studie unterscheiden sich außerdem von den seltenen Varianten, die man bislang bei familiär gehäuften Fällen kannte. Beide Arten von Varianten könnten sich künftig als unterschiedliche, sich ergänzende Risikofaktoren erweisen – das ist aber noch nicht abschließend geklärt.
Iain Mathieson bringt diese Vorsicht auf den Punkt: „Das ist ein wichtiger Schritt vorwärts, aber es ist noch früh. Wir haben kartiert, wo wir hinschauen müssen. Die nächste Herausforderung besteht darin, genau zu verstehen, wie die identifizierten Gene das Innenohr beeinflussen und ob dieses Wissen zu besseren Behandlungen führen kann.“
Was als Nächstes passiert
Die Forschenden wollen nun in Labormodellen mit menschlichem Innenohr-Gewebe und in Tierversuchen genauer untersuchen, wie die gefundenen Genvarianten Aufbau, Funktion und Flüssigkeitshaushalt des Innenohrs konkret verändern. Dafür sind auch größere und vielfältigere Studien mit mehr Teilnehmenden nötig.
Parallel dazu hat das Penn-Team bereits eine Forschungspartnerschaft zwischen der MyPennGenome-Initiative und dem Center for Adult-Onset Hearing Loss ins Leben gerufen. Ziel ist zu prüfen, ob eine vorbeugende Gensequenzierung künftig helfen könnte, Hörverlust früher zu erkennen oder sogar zu verhindern.
Für die Praxis bedeutet das vorerst: An Diagnose und Behandlung von Morbus Menière ändert sich aktuell nichts. Die Studie liefert aber erstmals eine verlässliche biologische Landkarte, an der sich künftige Forschung orientieren kann – und auf der irgendwann auch neue Untersuchungsmethoden oder Therapien aufbauen könnten.