Auf der Augmented World Expo (AWE) 2026 in Shanghai hat das Audiotechnologie-Unternehmen Orka ein neues Hörsystem präsentiert. Das Modell O1 Pro soll laut Hersteller das erste Receiver-in-Canal-Hörgerät (RIC) mit integrierter Active Noise Cancellation (ANC) sein.
Die Geräuschunterdrückung basiert auf Technologie des US-Audioherstellers Bose, dessen ANC-Systeme vor allem aus Premium-Kopfhörern bekannt sind. Ziel ist es, störende Hintergrundgeräusche aktiv zu reduzieren und gleichzeitig Sprachsignale klarer hervorzuheben.
Die Vorstellung erfolgte im Rahmen der internationalen Technologiemesse, auf der regelmäßig neue Entwicklungen aus den Bereichen Wearables, Audio-Technik und Mixed Reality präsentiert werden.
Was hinter der Technologie steckt
Active Noise Cancellation arbeitet mit einem anderen Prinzip als klassische Hörgeräte-Geräuschunterdrückung.
Während Hörgeräte üblicherweise digitale Signalverarbeitung und Richtmikrofone nutzen, erfasst ANC störende Geräusche über Mikrofone und erzeugt ein gegenphasiges Signal, das den Lärm teilweise auslöscht.
Diese Technik ist seit vielen Jahren aus Kopfhörern bekannt, wurde jedoch bislang kaum in klassischen Hörgeräten eingesetzt.
Nach Angaben von Orka kombiniert das neue System mehrere technische Komponenten:
- Active Noise Cancellation mit Bose-Technologie
- dynamische Audiotreiber, wie sie aus hochwertigen Kopfhörern bekannt sind
- räumliche Klangverarbeitung zur Verbesserung der Hörwahrnehmung
- Bluetooth-Streaming für Musik, Podcasts und Telefonie
Der Einsatz dynamischer Treiber ist im Hörgerätebereich ungewöhnlich. Die meisten Hörsysteme arbeiten mit Balanced-Armature-Receivern, die besonders kompakt und energieeffizient sind.
RIC-Bauform als technologische Basis
Das O1 Pro basiert auf einem Receiver-in-Canal-Design (RIC).
Bei dieser Bauform sitzt die Elektronik hinter dem Ohr, während der Lautsprecher direkt im Gehörgang platziert wird. Diese Konstruktion ermöglicht eine breite Frequenzübertragung, relativ kleine Gehäuse und flexible Anpassmöglichkeiten.
RIC-Geräte gehören seit Jahren zu den am häufigsten eingesetzten Hörsystemen weltweit und dominieren auch den deutschen Hörgerätemarkt.
Die Bauform bietet zudem ausreichend Platz für zusätzliche Elektronik – etwa Funkmodule, Sensoren oder komplexere Signalverarbeitung.
Kooperation mit Bose
Die Zusammenarbeit mit Bose verweist auf eine Entwicklung, die sich in der Hörgerätebranche seit einiger Zeit abzeichnet: Die Grenzen zwischen klassischer Hörakustik und Consumer-Audio-Technologie verschwimmen zunehmend.
Bose hatte bereits zuvor Hörlösungen für Menschen mit leichtem bis mittlerem Hörverlust entwickelt. Diese Produkte orientierten sich allerdings stärker am Consumer-Elektronikmarkt und konnten teilweise über Smartphone-Apps selbst angepasst werden.
Mit der Integration von Bose-Technologie in ein RIC-Hörsystem versucht Orka offenbar, Elemente aus beiden Welten zu kombinieren: medizinische Hörgerätearchitektur und Audiotechnologie aus der Unterhaltungselektronik.
Verfügbarkeit in Deutschland bislang unklar
Ob das neue ANC-Hörgerät auch in Deutschland oder Europa erhältlich sein wird, ist derzeit offen.
Orka hat bislang keinen konkreten Marktstart für europäische Länder angekündigt. Auch Informationen zu einer möglichen CE-Zertifizierung nach der europäischen Medizinprodukteverordnung (MDR) liegen derzeit nicht öffentlich vor.
Das Unternehmen vertreibt seine bisherigen Produkte überwiegend direkt über den Onlinehandel und weniger über klassische Hörakustik-Fachgeschäfte.
Damit unterscheidet sich das Geschäftsmodell deutlich von etablierten Hörgeräteherstellern, die ihre Systeme hauptsächlich über Hörakustiker-Netzwerke vertreiben.
Für eine reguläre Markteinführung in Deutschland wären mehrere Voraussetzungen erforderlich, darunter:
- eine CE-Kennzeichnung nach MDR
- Registrierung als Medizinprodukt in der EU
- ein Vertriebskonzept für Anpassung und Service
Ohne diese regulatorischen Schritte wäre ein Verkauf im klassischen Hörgeräteversorgungsmarkt kaum möglich.
Fachliche Herausforderungen für ANC im Hörgerät
Die Integration von Active Noise Cancellation in Hörgeräte wirft aus audiologischer Sicht mehrere Fragen auf.
ANC funktioniert besonders gut bei gleichförmigen Geräuschen mit stabilen Frequenzen, etwa Flugzeuglärm oder Verkehr.
Alltagsgeräusche und Sprache sind jedoch deutlich komplexer. In Hörgeräten besteht daher das Risiko, dass eine zu aggressive Geräuschunterdrückung auch relevante Sprachanteile beeinflusst.
Ein weiterer Faktor ist die Signalverzögerung. Hörgeräte müssen mit extrem niedriger Latenz arbeiten, um Echoeffekte und Störungen im natürlichen Hören zu vermeiden.
Auch die Kombination von ANC mit offenen Anpassungen, wie sie bei vielen RIC-Versorgungen üblich sind, stellt technisch eine Herausforderung dar.
Bedeutung für die Hörakustik-Branche
Für Hörakustiker könnten solche Technologien langfristig neue Anforderungen mit sich bringen.
Immer mehr Hörgeräte integrieren Funktionen, die ursprünglich aus der Consumer-Elektronik stammen – etwa Bluetooth-Streaming, Sensorik oder KI-basierte Signalverarbeitung.
Das verändert auch die Erwartungen vieler Nutzer.
Kunden vergleichen Hörsysteme zunehmend mit True-Wireless-Kopfhörern oder anderen Wearables und erwarten ähnliche Funktionen.
Ob Active Noise Cancellation tatsächlich zu einem neuen Standard in Hörgeräten wird, bleibt jedoch offen.
Ein Markt im technologischen Umbruch
Der globale Hörgerätemarkt wird derzeit stark von Innovationen geprägt.
Neben klassischen Herstellern drängen zunehmend Unternehmen aus den Bereichen Audio-Technologie, Wearables und Digital Health in das Feld der Hörlösungen.
Mit dem O1 Pro positioniert sich Orka als neuer Anbieter in diesem Umfeld.
Ob sich das Konzept eines ANC-Hörgeräts im praktischen Alltag bewährt, wird sich jedoch erst zeigen, wenn unabhängige Tests, klinische Studien und erste Markterfahrungen vorliegen.
Für die Hörakustik-Branche in Deutschland bleibt vorerst vor allem eine Frage offen: Wann – und ob – diese Technologie tatsächlich im europäischen Versorgungsmarkt ankommt.