Der Schweizer Hörakustik-Konzern Sonova Holding AG richtet sich strategisch neu aus. Das Unternehmen will sich künftig voll auf die Hörversorgung konzentrieren – und plant den Verkauf seines Consumer-Hearing-Geschäfts. Gleichzeitig formuliert der Konzern eine ambitionierte Wachstumsmarke: 6 Milliarden Schweizer Franken Umsatz bis zum Geschäftsjahr 2030/31.
Damit setzt Sonova auf eine klare Botschaft an den Markt: Fokus statt Vielfalt.
Warum Sonova den Kurs schärft
Der Schritt kommt nicht überraschend. Die strukturellen Treiber im Markt bleiben stark:
- Alternde Bevölkerung erhöht die Nachfrage nach Hörlösungen
- Niedrige Versorgungsquote bietet erhebliches Wachstumspotenzial
- Technologischer Fortschritt – insbesondere bei KI-gestützten Hörsystemen – erweitert den Markt
Gleichzeitig unterscheiden sich die Geschäftsmodelle deutlich: Während Hörgeräte und Cochlea-Implantat langfristige, medizinisch geprägte Versorgungsprozesse erfordern, ist das Consumer-Audio-Geschäft deutlich schnellerlebig und stärker vom Lifestyle-Segment geprägt.
Strategiewechsel: Drei Hebel für mehr Wachstum
Sonova setzt künftig auf drei zentrale Prioritäten:
1. Mehr Nutzung durch Innovation
Der Konzern will die Akzeptanz von Hörlösungen gezielt erhöhen:
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- Lifestyle-orientiertes Design statt rein medizinischer Anmutung
- Ausbau vernetzter Hörsysteme
- stärkere Integration von Künstlicher Intelligenz
- engere Verzahnung von Hörgeräten und Implantat-Technologie
Gerade in Asien sieht Sonova zusätzliche Chancen: Dort soll der Marktzugang zunächst über bestehende Premiumprodukte erfolgen, bevor regionalspezifische, kosteneffiziente Versorgungsmodelle folgen.
2. Multimarken- und Multikanal-Strategie
Sonova bleibt ein vertikal integrierter Anbieter – und baut diesen Vorteil aus:
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- Stärker differenzierte Markenführung je nach Markt
- Ausbau des Fachgeschäftsnetzes durch gezielte Akquisitionen
- engere Verzahnung von Retail und Wholesale
- gemeinsame Nutzung von Lead-Generation
Für Hörakustiker besonders relevant: Kundendaten und Feedback aus Filialen sollen schneller in die Produktentwicklung zurückfließen.
3. Effizienz als Wachstumstreiber
Unter dem Leitmotiv „On Quality, On Time, On Cost“ will Sonova seine Prozesse straffen:
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- Optimierung von Lieferketten und Standorten
- stärkere Automatisierung
- effizienteres Produktdesign
Ziel ist eine höhere Marge bei gleichzeitig skalierbaren Strukturen.
Verkauf der Consumer-Sparte: Trennung mit Logik
Ein zentraler Baustein der Strategie ist die geplante Veräußerung des Consumer-Hearing-Geschäfts. Dieses operiert im Premiumsegment unter der Marke Sennheiser.
Die Gründe:
- Andere Innovationszyklen
- Andere Vertriebskanäle
- Andere Nachfrage-Logik
Für Branchenbeobachter ist der Schritt konsequent: Die Trennung erlaubt es Sonova, Ressourcen gezielter in die medizinische Hörversorgung zu lenken.
Finanzziele: Ambitioniert, aber realistisch
Sonova setzt mittelfristig auf:
- 5–10 % Umsatzwachstum pro Jahr
- 7–12 % Wachstum beim operativen Ergebnis
- Ausbau der Marge durch Skaleneffekte und Effizienzprogramme
Das große Ziel: CHF 6 Milliarden Umsatz bis 2030/31.
Aktuelle Geschäftslage: Wachstum – aber gebremst
Für das laufende Geschäftsjahr 2025/26 bleibt Sonova vorsichtig:
- Wachstum am unteren Ende der Prognose
- Umsatzplus erwartet zwischen 5 und 9 %
- EBITA-Wachstum zwischen 14 und 18 % (jeweils währungsbereinigt)
Die Zahlen zeigen: Der Markt wächst – aber nicht ohne Reibung.
Einordnung für Hörakustiker
Für Fachbetriebe und Brancheninsider ist die neue Strategie mehr als ein Konzernumbau:
- Stärkere Verzahnung von Industrie und Fachhandel
- Mehr Fokus auf Kundenerlebnis und Servicequalität
- Beschleunigte Innovationszyklen durch Datennutzung
Kurz: Sonova setzt auf ein Modell, das Technologie, Vertrieb und Versorgung enger zusammenführt.
Fazit
Sonova zieht die Konsequenzen aus einem sich wandelnden Markt. Der geplante Verkauf der Consumer-Sparte ist kein Rückzug, sondern eine strategische Fokussierung.
Ob das Milliardenziel erreicht wird, hängt maßgeblich davon ab, ob es gelingt, mehr Menschen tatsächlich mit Hörlösungen zu versorgen – nicht nur technologisch, sondern auch strukturell.
Die Richtung ist klar: Wachstum durch Spezialisierung.