Ein Forschungsteam um Evelina Fedorenko und Agata Wolna vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) hat mithilfe von fMRT-Daten von 772 Probandinnen und Probanden nachgewiesen, dass Sprachverarbeitung im Gehirn deutlich weiter verteilt abläuft als bisher angenommen. Die online vorab am 24. Juni 2026 im Journal of Neuroscience veröffentlichte Studie identifiziert 17 zusätzliche Hirnareale außerhalb der klassischen links-frontotemporalen Sprachzentren, die ebenfalls auf Sprache reagieren – unter anderem im Kleinhirn, im Hippocampus und in der Amygdala.

Mehr als Broca und Wernicke

Seit der Entdeckung des Broca-Areals im 19. Jahrhundert gilt die Sprachverarbeitung im Gehirn als weitgehend auf ein links-lateralisiertes fronto-temporales Netzwerk beschränkt. Auch rechtshemisphärische Areale wurden bereits mit sozial-emotionalen Aspekten von Sprache in Verbindung gebracht. Auffällige Aktivierungen außerhalb dieser Kernregionen wurden in der Vergangenheit jedoch häufig als methodisches Rauschen abgetan.

Fedorenko beschreibt diese Erfahrung aus ihrer frühen Forschungslaufbahn selbst: Kolleginnen und Kollegen hätten ihr geraten, sich „auf die Sprachareale zu konzentrieren“, während Aktivität außerhalb dieser Zonen ignoriert wurde. Genau diese Lücke schließt die neue Untersuchung nun systematisch.

Wie die Studie vorging

Die Forschenden werteten Scans von 772 Personen aus, die seit 2013 im Labor von Fedorenko mit einem standardisierten Sprach-Localizer-Paradigma getestet wurden. Dabei lesen oder hören Probandinnen und Probanden abwechselnd echte Sätze und bedeutungslose Wortfolgen; Areale, die bei echten Sätzen stärker reagieren, gelten als sprachrelevant. Für rund 490 Teilnehmende lagen zusätzlich Daten aus einer räumlichen Arbeitsgedächtnisaufgabe vor, die ein unabhängiges, allgemein-kognitives Netzwerk aktiviert. Dieser Vergleich erlaubte es, echte Sprachselektivität von allgemeiner kognitiver Beanspruchung zu unterscheiden.

Durch eine bewusst gelockerte statistische Schwelle und gezielte Suche in subkortikalen Regionen mit schwachem MRT-Signal gelang es dem Team, auch kleine, bislang übersehene Areale sichtbar zu machen. Wolna beschreibt den Ansatz so: Man habe versucht, mit einer „laxeren Schwelle“ die Chancen zu maximieren, schwach reagierende Regionen außerhalb des linken fronto-temporalen Systems zu finden.

Von den 17 neu identifizierten Arealen liegen fünf im Kleinhirn, das traditionell vor allem mit Bewegungskoordination assoziiert wird. Drei dieser Kleinhirnregionen wurden bereits in einer früheren, im Februar 2026 veröffentlichten Studie unter Leitung von Colton Casto beschrieben und reagieren zusätzlich auf nicht-sprachliche kognitive Aufgaben. Weitere sprachselektive Areale fanden sich im medialen frontalen Kortex, an der Unterseite des linken Temporallappens, im Hippocampus und in der Amygdala.

Trotz dieser breiten Verteilung bleibt das Gesamtvolumen des erweiterten Sprachnetzwerks gering: Es macht etwa fünf Prozent des gesamten Hirnvolumens aus, ungefähr so viel wie eine große Erdbeere. Damit widerspricht die Studie zugleich der Vorstellung, praktisch das gesamte Gehirn sei an Sprache beteiligt.

Offene Fragen bleiben

Wofür genau die neu entdeckten Areale zuständig sind, ist noch weitgehend ungeklärt. Die Forschenden vermuten bei einigen Kleinhirnregionen eine Rolle bei der Integration von Informationen aus verschiedenen kortikalen Systemen, betonen aber, dass dies weiterer Untersuchung bedarf. Eine systematische Charakterisierung der Funktionen steht laut Fedorenko noch aus – geplant sind unter anderem Tests mit unterschiedlichen sprachlichen und nicht-sprachlichen Aufgabenstellungen.

Für die Hörakustik-Branche ist die Studie in erster Linie als Grundlagenforschung relevant: Sie liefert keine unmittelbaren Aussagen zu Hörgeräteversorgung oder Sprachverständnis im Störschall, zeigt aber, dass die neuronale Basis von Sprachverarbeitung komplexer und verteilter ist, als es das klassische Broca-Wernicke-Modell nahelegt – ein Modell, auf das sich viele Erklärungen zu zentralem Hören und Sprachverstehen bislang stützen.

Ausblick

Die Studie versteht sich selbst als Ausgangspunkt, nicht als Abschluss. Fedorenko kündigt an, die neu entdeckten Regionen nun gezielt mit unterschiedlichen sprachlichen Manipulationen und kognitiven Aufgaben zu testen, um ihre genaue Funktion zu klären. Bis belastbare Aussagen zur klinischen oder audiologischen Bedeutung möglich sind, dürfte es damit noch dauern – die Kartierung des „erweiterten Sprachnetzwerks“ ist ein erster, aber folgenreicher Schritt.