Es geht um viel Geld – und um die Zukunft einer ganzen Branche. Die Bundesinnung der Hörakustiker erhebt schwere Vorwürfe gegen den GKV-Spitzenverband. Dessen Reformpläne für die Hilfsmittelversorgung könnten nach Ansicht der Branche die Versorgung von Millionen Patienten gefährden – und zugleich den mittelständisch geprägten Hörakustik-Markt schwächen.
Milliardenkosten – und die Suche nach Schuldigen
Im Jahr 2025 gaben die gesetzlichen Krankenkassen rund 12,3 Milliarden Euro für Hilfsmittel aus – ein Plus von 4,9 Prozent. Für die Kassen ein Warnsignal. Die Ursachen sehen sie vor allem bei den Leistungserbringern – also jenen Betrieben, die Versicherte mit medizinisch notwendigen Produkten versorgen. Dazu zählen auch Hörakustiker. Für die Branche ist diese Argumentation jedoch zu kurz gegriffen. Hörakustiker sichern mit individuell angepassten Hörsystemen die gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Hörverlust – ein zentraler Baustein moderner Gesundheitsversorgung.
Kritik an alten Rezepten: Ausschreibungen im Visier
Besonders scharf fällt die Kritik an einer alten Idee aus: Der GKV-Spitzenverband fordert die Wiedereinführung sogenannter Ausschreibungen. Diese Praxis war in der Vergangenheit stark umstritten, weil sie oft zu Preis- statt Qualitätswettbewerb führte.
Eberhard Schmidt, Präsident der biha, findet deutliche Worte:
„Wozu braucht es fast 100 gesetzliche Krankenversicherungen, wenn alle die gleichen gesetzlichen Aufgaben erfüllen?“
Ein Seitenhieb auf die Verwaltungskosten der Kassen, die in den vergangenen Jahren ebenfalls gestiegen sind – ein Punkt, den die Reformvorschläge der Kassen aus Sicht der biha ausblenden.
Machtverschiebung zulasten des Mittelstands?
Ein weiterer Streitpunkt: Die geplante Beschränkung der Vertragshoheit von Leistungserbringern. Der GKV-Spitzenverband argumentiert, Zusammenschlüsse von Verbänden könnten zu Marktkonzentration und Angebotsmonopolen führen. Die biha hält dagegen – und verweist auf die Marktmacht der Kassen selbst. Besonders kritisch sieht sie die Rolle des Verband der Ersatzkassen, in dem sich mehrere große Krankenkassen zusammengeschlossen haben.
Schmidt warnt:
„Hier entsteht eine Marktmacht von rund 40 Prozent – und gleichzeitig werden mittelständische Betriebe diskriminiert.“
Positionspapier als politisches Signal
Die Hörakustiker gehen nun in die Offensive. Mit einem eigenen Positionspapier richtet sich die biha direkt an die Politik. Die Botschaft: Eine Reform der Hilfsmittelversorgung dürfe nicht auf Kosten von Qualität, Versorgungssicherheit und mittelständischen Strukturen gehen.
Ein Konflikt mit Signalwirkung
Der Streit zeigt exemplarisch, wie angespannt die Lage im Gesundheitswesen ist. Steigende Kosten treffen auf politischen Reformdruck – und auf Branchen, die um ihre wirtschaftliche Existenz und fachliche Unabhängigkeit kämpfen. Für Hörakustiker steht dabei mehr auf dem Spiel als nur Marktanteile: Es geht um die Frage, wie viel individuelle Versorgung das System künftig noch zulässt.