Chronischer Tinnitus betrifft Millionen Menschen – und bleibt für viele Betroffene eine dauerhafte Belastung. Eine aktuelle klinische Studie liefert nun neue Daten zur Wirksamkeit einer digitalen Therapie: Die Anwendung „Meine Tinnitus App“ kann die subjektive Belastung durch Ohrgeräusche deutlich reduzieren.
Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift Audiology Research veröffentlicht. Untersucht wurde ein digitales Tinnitus-Counseling, das Patienten über eine App strukturiert durch Informationen und Übungen zum Umgang mit ihren Ohrgeräuschen führt.
Randomisierte Studie mit mehr als 200 Patienten
An der multizentrischen, randomisiert-kontrollierten Studie nahmen 204 Patienten mit chronischem subjektivem Tinnitus aus 33 HNO-Praxen in Deutschland teil. Über einen Zeitraum von zehn Wochen nutzte eine Interventionsgruppe die App, während eine Kontrollgruppe ausschließlich die übliche medizinische Versorgung erhielt.
Das Ergebnis:
- Die Tinnitus-Belastung sank im Durchschnitt um 35,4 % bei den App-Nutzern.
- 43,8 % der Teilnehmer verbesserten ihren Tinnitus-Schweregrad um mindestens eine Stufe.
- In der Kontrollgruppe gelang dies nur 16,9 % der Patienten.
Auch die Alltagsbelastung und Schwierigkeiten im Umgang mit der Erkrankung nahmen in der Interventionsgruppe signifikant ab.
Digitale Gesundheitsanwendungen gewinnen an Bedeutung
Tinnitus zählt zu den häufigsten chronischen Hörproblemen. Schätzungen zufolge sind bis zu 15 Prozent der Bevölkerung betroffen. Typische Begleiterscheinungen sind Schlafstörungen, Konzentrationsprobleme oder psychische Belastungen.
In Leitlinien gilt Counseling – also strukturierte Aufklärung und Anleitung zum Umgang mit den Ohrgeräuschen – als zentraler Bestandteil der Therapie. Allerdings ist der Zugang zu spezialisierten Angeboten oft begrenzt.
Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) sollen diese Lücke schließen. Sie ermöglichen ortsunabhängige Therapieangebote, die Patienten in den Alltag integrieren können.
App basiert auf strukturiertem Counseling
Die untersuchte Anwendung vermittelt in zehn wöchentlichen Lektionen psychoedukative Inhalte und praktische Strategien – etwa zu
- Stressbewältigung,
- Aufmerksamkeitslenkung,
- Schlafhygiene.
Jede Einheit dauert etwa 60 bis 90 Minuten und kann flexibel bearbeitet werden. Ziel ist es, Betroffenen zu helfen, den Umgang mit dem Tinnitus aktiv zu gestalten und die wahrgenommene Belastung zu reduzieren.
Relevanz für Versorgung und Praxis
Für die Versorgungspraxis sind solche Ergebnisse vor allem deshalb interessant, weil digitale Gesundheitsanwendungen inzwischen Teil der Regelversorgung sein können.
Die untersuchte App ist im DiGA-Verzeichnis gelistet und kann von Ärzten oder Psychotherapeuten auf Rezept verordnet werden, wobei die Kosten von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen werden.
Damit entwickelt sich ein neues Feld der Therapieunterstützung – zwischen HNO-Praxis, Audiologie und digitaler Selbsthilfe.