Die Universitätsmedizin Halle will klären, ob die Standardbehandlung bei Hörsturz tatsächlich wirkt. In der bundesweiten CORTEBO-Studie erhalten Hörsturz-Betroffene zehn Tage lang entweder das Glukokortikoid Prednisolon oder ein Placebo. Ausgewertet werden sollen die Daten von 218 Patientinnen und Patienten. Der Start ist für Anfang 2027 geplant, das Bundesforschungsministerium (BMFTR) fördert das Projekt mit mehr als zwei Millionen Euro bis Anfang 2031.
Fast 50 Jahre Therapie, aber kein klarer Beleg
Glukokortikoide, umgangssprachlich Kortison, sind bei Hörsturz seit fast 50 Jahren weltweit üblich. Ärzte geben sie als Tablette, per Infusion oder als Spritze ins Mittelohr. Eine Zulassung für diese Indikation hat keines der Präparate, die Anwendung ist off-label. Speziell für den Hörsturz zugelassene Medikamente gibt es bislang nicht.
Studienleiter Prof. Dr. Stefan Plontke, Direktor der Universitäts-HNO-Klinik in Halle, hält die Wirksamkeit für offen: „Die bisherigen Daten dazu sind widersprüchlich.“
Warum ein Placebo jetzt vertretbar ist
Die HODOKORT-Studie der Universitätsmedizin Halle und des Deutschen Studienzentrums für HNO-Heilkunde (DSZ-HNO) hatte gezeigt, dass eine hochdosierte Kortisontherapie, als Prednisolon-Infusion oder als Dexamethason-Tablette, nicht besser abschneidet als die international übliche, niedriger dosierte Prednisolon-Tablette. Sie verursacht aber mehr Nebenwirkungen. Damit stellt sich die Frage nach dem Nutzen der niedrigeren Standarddosis neu.
Bisher galt es laut Plontke als ethisch nicht vertretbar, Betroffenen in einer Studie die einzige verfügbare Behandlung vorzuenthalten. Erst neue Hinweise auf einen fehlenden Zusatznutzen und relevante Nebenwirkungen rechtfertigen nach seinen Worten nun eine placebokontrollierte Prüfung.
Wer mitmachen kann
Aufgenommen werden Erwachsene zwischen 18 und 80 Jahren mit einem ersten, einseitigen Hörsturz, der binnen 24 Stunden eingetreten ist. Aufnahme und Behandlungsbeginn müssen innerhalb von sieben Tagen liegen. Ausgeschlossen sind Menschen mit wiederholtem Hörsturz und solche, deren aktueller Hörsturz bereits mit Glukokortikoiden oder hyperbarem Sauerstoff behandelt wurde.
Einen Monat nach Therapiebeginn messen die Forschenden, wie sich der Hörverlust in den besonders betroffenen Frequenzen verändert hat. Auch Sprachverstehen und Lebensqualität fließen ein, die Nachbeobachtung läuft weitere fünf Monate. Die Studie ist dreifach verblindet: Weder Teilnehmende noch Ärzte noch Auswertende wissen, wer welches Präparat bekommt.
Patientenverband wirbt um Teilnehmende
Die Deutsche Tinnitus-Liga (DTL) war nach eigenen Angaben daran beteiligt, den Forschungsbedarf zu identifizieren. Sie ruft ihre Mitglieder zur Teilnahme auf und will die Ergebnisse nach Studienende in ihrer Zeitschrift Tinnitus-Forum und auf Veranstaltungen veröffentlichen. Bernd Strohschein, Vorstandsvorsitzender der DTL, begründet das Engagement mit dem Ziel einer sicheren und wirksamen Hörsturz-Therapie.