Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat am 15. Juli 2026 überarbeitete Leitlinien zur Demenzprävention veröffentlicht. Es ist die zweite Auflage der Leitlinien seit deren erstmaliger Veröffentlichung 2019 – nach Einschätzung des Fachmediums Hearing Review die bislang umfassendste Überarbeitung. Neu darin: Hörgeräte werden erstmals explizit als Teil der Risikominderung empfohlen, wenn eine Hörminderung klinisch festgestellt wurde.
Bis zu 45 Prozent des Risikos gelten als beeinflussbar
Laut WHO leben weltweit mehr als 57 Millionen Menschen mit Demenz, jährlich kommen rund 10 Millionen Neuerkrankungen hinzu. Bis zu 45 Prozent des Demenzrisikos lassen sich nach WHO-Angaben auf beeinflussbare Faktoren zurückführen – darunter Tabak- und Alkoholkonsum, soziale Isolation, Bewegungsmangel, Luftverschmutzung sowie Vorerkrankungen wie Bluthochdruck und Diabetes.
Hörverlust als eigener Risikofaktor beziffert
Die Leitlinien selbst geben erstmals eine konkrete Größenordnung an: Würde unbehandelter Hörverlust auf Bevölkerungsebene vollständig beseitigt, ließen sich der WHO zufolge theoretisch etwa 7 Prozent aller Demenzfälle vermeiden. Als Begründung nennt die WHO, dass weltweit etwa jede fünfte Person von einer Form der Hörminderung betroffen ist, diese aber – besonders bei älteren Menschen – häufig unerkannt und unbehandelt bleibt.
Von der Diagnose zur Behandlung
Ein zentraler Unterschied zu den bisherigen Empfehlungen: 2019 sprach die WHO mangels ausreichender Evidenz noch keine Empfehlung zu Hörgeräten aus. Nun spricht sie eine bedingte Empfehlung („conditional recommendation“) aus, wonach Hörgeräten Erwachsenen mit Hörverlust angeboten werden sollen, um das Risiko für kognitiven Abbau und Demenz zu senken. Die Evidenzlage dazu stuft die WHO selbst als niedrig (low certainty) ein.
Luftverschmutzung erstmals als Risikofaktor gelistet
Auch Luftverschmutzung ist erstmals als eigener Risikofaktor in den Leitlinien aufgeführt. Nach demselben Rechenmodell wie bei Hörverlust beziffert die WHO das theoretische Präventionspotenzial hier auf 3 Prozent aller Demenzfälle.
Keine pauschale Empfehlung für Nahrungsergänzungsmittel
Die Leitlinien raten weiterhin von einer routinemäßigen Einnahme von Vitamin-B- und -E-Präparaten, Omega-3-Fettsäuren oder Multivitaminen zur Demenzprävention ab, sofern kein diagnostizierter Mangel vorliegt.
WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus erklärte, die Leitlinien übersetzten aktuelles Wissen über Demenzrisiken in konkret umsetzbare Empfehlungen für Länder weltweit. Die volkswirtschaftlichen Kosten von Demenz beziffert die WHO auf rund 1,3 Billionen US-Dollar jährlich, etwa die Hälfte davon entfällt auf unbezahlte Pflege durch Angehörige.