Russische Forscher haben mit Eye-Tracking-Technologie untersucht, wie sich der Typ der Hörversorgung auf das Leseverhalten schwerhöriger Studierender auswirkt. Die Ergebnisse zeigen bemerkenswerte Unterschiede – und haben direkte Konsequenzen für die Gestaltung von Lernmaterialien.

Blickbewegungen verraten, was der Kopf leistet

Ein Forscherteam der Bauman Moscow State Technical University hat in einer aktuellen Studie untersucht, wie Studierende mit unterschiedlichen Hörsystemen schriftliche Texte verarbeiten. Veröffentlicht wurde die Arbeit im Fachjournal Audiology Research (MDPI, DOI: 10.3390/audiolres16020033). Gemessen wurde nicht die Leseleistung im klassischen Sinne, sondern die kognitive Beanspruchung beim Lesen – mithilfe eines Eye-Trackers, der Blickbewegungen, Fixationsdauer und Pupillendurchmesser erfasste.

Die zentrale Frage: Unterscheiden sich Studierende mit monauralen Cochlea-Implantaten und solche mit binauralen Hörgeräten beim Lesen von Alltagstexten und Fachmaterial? Und wie schlagen sie sich im Vergleich zu Hörenden?

Drei Gruppen, ein Gerät, klare Befunde

An der Untersuchung nahmen 41 Studierende des Ingenieurwesens im Alter von 18 bis 28 Jahren teil, aufgeteilt in drei Gruppen: 14 Teilnehmende mit monauralem Cochlea-Implantat (CI), 14 mit binauralen Hörgeräten und 13 ohne Hörbeeinträchtigung. Alle Gruppen waren hinsichtlich Alter, Geschlecht, Studiensemester und Aufnahmeprüfungsergebnissen vergleichbar.

Als Stimulus dienten zwei russischsprachige Texte: ein narrativer Alltagstext mit 76 Wörtern und ein fachlicher Lehrtext mit 153 Wörtern sowie mathematischen Formeln. Aufgezeichnet wurden klassische Eye-Tracking-Parameter wie Fixationsdauer, Anzahl der Sakkaden und Scanpfadlänge – ergänzt um pupillometrische Daten als Indikatoren kognitiver Belastung.

Binaural versorgte Hörgeräteträger: unauffällig wie Hörende

Das wohl überraschendste Ergebnis: Beim Lesen alltäglicher Texte zeigten Studierende mit binauralen Hörgeräten keine statistisch signifikanten Unterschiede gegenüber den hörenden Kommilitonen. Weder in der Fixationsdauer noch in der Sakkadenzahl oder im Scanpfad gab es relevante Abweichungen.

Das deutet die Studie als Hinweis auf gut entwickelte Kompensationsmechanismen: Binaurale Hörgeräte scheinen ausreichend zu sein, um Alltagsinformationen im schriftlichen Format mit ähnlicher Effizienz wie Normalgehörende zu verarbeiten. Die Autoren erklären dies unter anderem mit einer symmetrischeren Aktivierung der Temporallappen, die die Verarbeitung und das Abrufen akustisch-semantischer Wortbilder erleichtert – und damit auch das Leseverständnis schriftlicher Texte positiv beeinflusst.

Bei Fachtexten war das Bild allerdings ein anderes: Hier erreichten die binauralen Hörgeräteträger früher den Minimalpupillendurchmesser (p = 0,008) – ein Zeichen, dass die kognitive Belastung früher im Leseprozess einsetzte als bei Hörenden.

Monoaurale CI-Träger: messbar höhere Lesebelastung

Deutlichere Unterschiede zeigten sich bei den Studierenden mit monauralem Cochlea-Implantat. Beim Lesen sowohl alltäglicher als auch fachlicher Texte wurden signifikant mehr Fixationen (p = 0,031 bzw. p = 0,044), mehr Sakkaden (p = 0,027 bzw. p = 0,044) und längere Gesamtscanpfade gemessen – Letzteres ein Indiz für häufigere Rücksprünge im Text, also regressive Sakkaden.

Die erhöhte Zahl an Regressionsbewegungen interpretieren die Autoren als Strategie zur Kompensation von Verarbeitungsproblemen: Die Studierenden kehren häufiger zu bereits gelesenen Textstellen zurück, um Wörter besser in den Satzkontext einzubetten.

Auch die Pupillometrie lieferte Belege für eine erhöhte kognitive Belastung – allerdings in zwei unterschiedlichen Vergleichen: Im Alltagstext verlief die Pupillenkonstriktion bei monauralen CI-Trägern signifikant langsamer als bei Hörenden (p = 0,006). Beim Fachtext setzte die maximale kognitive Beanspruchung früher ein als in der Gruppe ohne Hörbeeinträchtigung – gemessen daran, dass der Minimalpupillendurchmesser bereits nach einem kleineren Textanteil erreicht wurde (p = 0,038).

Die Autoren betonen dabei einen wichtigen Vorbehalt: Der Vergleich zwischen CI und Hörgerät isoliert nicht den reinen Effekt binaural versus monaural, da sich die Geräte auch technisch fundamental unterscheiden. CIs wandeln Schall in elektrische Impulse um und stimulieren direkt den Hörnerv, während Hörgeräte das Schallereignis akustisch verstärken und das Restgehör nutzen.

Lernmaterialien müssen gerätetypspezifisch angepasst werden

Aus den Befunden leiten die Forscher konkrete pädagogische Empfehlungen ab. Studierende mit monauralen Cochlea-Implantaten profitieren demnach besonders von:

  • vorgeschalteten Glossaren mit Schlüsselbegriffen, um die Erstverarbeitung unbekannter Lexeme zu entlasten,
  • strukturierten Orientierungshilfen im Text – etwa durch Zwischenüberschriften, Aufzählungen oder grafische Markierungen –, die Rücksprünge minimieren,
  • einer Einteilung in homogenere Lerngruppen nach Hörgerätetyp, um die didaktische Förderung gezielter ausrichten zu können.

Die Studie schlussfolgert klar: Anpassungen von Lehrmaterialien sollten nicht nur den Faktor Hörbeeinträchtigung berücksichtigen, sondern auch die individuelle Art der Hörversorgung.

Vorläufige Ergebnisse mit großem Erkenntnispotenzial

Die Forscher selbst mahnen zur vorsichtigen Interpretation: Mit 13 bis 14 Teilnehmenden pro Gruppe ist die Stichprobe klein, eine Korrektur für multiples Testen wurde nicht vorgenommen. Unbekannte Einflussgrößen wie individuelle Lesekompetenz oder Wortschatzbreite könnten die Ergebnisse mitbeeinflussen. Die Studie sei daher als exploratorisch zu verstehen – als Grundlage für größere Folgeuntersuchungen.

Dennoch liefert sie einen methodisch soliden Ansatz: Eye-Tracking, ergänzt durch Pupillometrie, erweist sich als geeignetes Instrument, um kognitive Prozesse beim Lesen bei Hörgeräteträgern objektiv zu erfassen. Für die Hörakustik und die audiologische Rehabilitation bedeuten diese Befunde, dass die Wahl und Konfiguration des Hörsystems weit über das Hören hinausgeht – sie beeinflusst, wie effektiv Menschen im Alltag und im Beruf mit schriftlichen Informationen umgehen können.

Weitere Studien mit größeren Kohorten und kontrollierten Textbedingungen sind geplant. Das Forscherteam wird dabei auch unterschiedliche Textschwierigkeiten und weitere Versorgungsformen – etwa bimodale oder bilaterale CI-Versorgung – einbeziehen.


Quelle: Fefelova R., Poputnikov I., Mozgovoi M., Konstantinov M.: „The Influence of Hearing Aid Type on Reading: Results of an Eye-Tracking Study at University.“ Audiology Research 2026, 16(2), 33. DOI: 10.3390/audiolres16020033. Gefördert durch das Ministerium für Wissenschaft und Hochschulbildung der Russischen Föderation (Fördernummer 0705-2023-0027).