Wenn sich vom 4. bis 6. März 2026 Fachleute zur 28. Jahrestagung der Deutsche Gesellschaft für Audiologie (DGA) in Oldenburg treffen, steht ein Begriff im Mittelpunkt, der in der Branche zunehmend an Bedeutung gewinnt: „Präzisionsaudiologie“. Gemeint ist damit der Anspruch, Diagnostik und Versorgung stärker zu individualisieren – und wissenschaftliche Erkenntnisse konsequent in die Praxis zu überführen.
Mit drei Beiträgen im wissenschaftlichen Programm positioniert sich das KOJ hearing network genau an dieser Schnittstelle. Das Netzwerk aus Achern will zeigen, wie sich Erkenntnisse aus Forschung und Neuroaudiologie so aufbereiten lassen, dass sie im Hörakustikbetrieb tatsächlich ankommen – jenseits akademischer Debatten.
Hören findet im Gehirn statt
Im Zentrum der Präsentationen steht das Zusammenspiel von Hören und kognitiver Verarbeitung. Themen wie Sprachverstehen im Störgeräusch, Höranstrengung oder Konzentrationsbelastung im Alltag gelten seit Jahren als zentrale Herausforderungen in der Versorgung von Menschen mit Hörminderung.
Das KOJ hearing network stellt unter anderem Ergebnisse einer bereits veröffentlichten Studie zum computergestützten Hörtraining vor. Dabei geht es weniger um die grundsätzliche Wirksamkeit solcher Trainingsprogramme als um die Frage, wie sie strukturiert in die Kundenbegleitung integriert werden können – inklusive nachvollziehbarer Fortschrittskommunikation. Für Hörakustikerinnen und Hörakustiker ist das vor allem eine organisatorische und beratungsstrategische Herausforderung.
Zugleich greift das Netzwerk ein sensibles Thema auf: die Aussagekraft kognitiver Kurztests bei Menschen mit Hörverlust. Zahlreiche Screening-Verfahren basieren auf auditiven Instruktionen oder Sprachmaterial. Das kann Testergebnisse verzerren. Diskutiert werden daher Ansätze, wie kognitive Aspekte differenzierter und praxisnah berücksichtigt werden können, ohne diagnostische Grenzen zu überschreiten.
„Hörtest fürs Gehirn“ als Beratungsinstrument
Ein besonderer Fokus liegt auf dem DiCoDi, den das Netzwerk als eine Art „Hörtest fürs Gehirn“ beschreibt. Dahinter steht die Überlegung, dass Hörverstehen nicht allein eine Frage der peripheren Hörleistung ist, sondern maßgeblich von zentralen Verarbeitungsprozessen abhängt.
Der DiCoDi soll diese Zusammenhänge im Beratungsgespräch sichtbar machen und als ergänzendes Instrument dienen. Nach Angaben des Anbieters ist die wissenschaftliche Grundlage des Verfahrens validiert und veröffentlicht. Für Betriebe könnte ein solches Instrument vor allem strategisch relevant sein: Es eröffnet zusätzliche Gesprächsanlässe und ermöglicht eine stärker erklärende, edukative Beratung.
Ob und in welchem Umfang sich solche Ansätze flächendeckend etablieren, dürfte auch vom wirtschaftlichen Umfeld abhängen. Der Markt für Hörsysteme ist von zunehmendem Wettbewerb geprägt, Differenzierung wird für viele Betriebe zur Überlebensfrage.
„Gerade in einem Markt, der nach Differenzierung sucht, brauchen Betriebe Lösungen, die Kundinnen und Kunden einen nachvollziehbaren Mehrwert bieten“, sagt Geschäftsführer Jan-Patric Schmid. Die DGA sei der geeignete Ort, um solche Konzepte fachlich zur Diskussion zu stellen.
Die Tagung in Oldenburg dürfte damit nicht nur wissenschaftliche Impulse setzen, sondern auch Hinweise darauf geben, wie sich Präzisionsaudiologie konkret in Geschäftsmodelle übersetzen lässt – und ob der Anspruch, Forschung konsequent in die Versorgung zu integrieren, mehr ist als ein Schlagwort.