„Nun ist es also raus, KIND wird von der Demant Group übernommen.“ Mit diesem Satz eröffnete Christian Honsig, Geschäftsführer von WSA Deutschland, im Juni 2025 ein Mailing an Geschäftspartner. Der Text war mehr als eine Reaktion auf eine Übernahme. Er war ein Positionspapier.

Honsig schrieb, durch KIND und die bereits zuvor übernommenen Geschäfte entstehe „die neue größte Kette in Deutschland“. Seine zugespitzte Diagnose: „Die zwei größten Retailer in der Hörakustik sind zwei Hersteller!“ Dann folgte der Satz, an dem sich WSA messen lassen muss: „WSA betreibt kein Retail in Deutschland!“

Das Versprechen ist stark, der Markt nervös

Die deutsche Hörakustik ist kleinteilig, handwerklich geprägt und zugleich wirtschaftlich attraktiv. Die Bundesinnung der Hörakustiker beziffert den Markt im Oktober 2025 auf rund 2.700 Unternehmen, 7.500 Betriebsstätten und 19.900 Beschäftigte. Für 2024 nennt sie rund 1,7 Millionen abgegebene Hörgeräte, 1,35 Milliarden Euro GKV-Ausgaben für Hörhilfen und einen geschätzten Gesamtumsatz von 2,3 Milliarden Euro.

Wer in diesem Markt den Kundenzugang kontrolliert, kontrolliert viel: den ersten Kontakt, die Produktauswahl, die Preiserwartung, die Nachversorgung. Genau deshalb ist die Frage nach Retail so brisant. Sie entscheidet darüber, ob ein Hersteller Lieferant bleibt oder selbst zum Wettbewerber seiner Fachhandelspartner wird.

WSA Deutschland setzt öffentlich auf Abgrenzung. Auf der deutschen Website bekennt sich das Unternehmen „klar zum unabhängigen Hörakustik-Fachhandel“ und nennt Widex, Signia und Audio Service als Marken, die Wahlfreiheit für Kundinnen, Kunden und Fachhandel ermöglichen sollen. In der Fachkommunikation zur Kampagne #WirSindAkustik wird daraus die prägnante Formel: „Kein eigener Retail in Deutschland, keine Konkurrenz zum Fachhandel.“

Eins muss man Honsig lassen: WSA betreibt in Deutschland keine erkennbare Hörakustik-Kette wie GEERS, Audika, KIND oder Amplifon.

Der blinde Fleck heißt audibene

Schwierig wird es bei der Frage, was „Retail“ heute bedeutet. Eine Filiale mit WSA-Logo wäre eindeutig. Ein digitaler Endkundenzugang mit telefonischer Beratung, Partnersteuerung, Preislogik und Abrechnung ist leiser, aber strategisch kaum harmloser.

Und dann gibt es noch audibene. Audibene wirbt in Deutschland direkt um Endkunden, spricht von mehr als 1.300 Partnerakustikern und beschreibt ein Modell aus Online-Check, telefonischer Erstberatung und Termin beim Akustiker vor Ort. Der WSA-Geschäftsbericht 2024/25 führt die audibene GmbH als deutsche Gesellschaft innerhalb der Hear.com-Struktur mit 100 % Beteiligung auf.

Noch deutlicher wird die Rolle in der Beschreibung eines audibene-Partners. Gerland Hörgeräte schreibt, audibene vermittle Interessenten über Onlineaktivitäten und Telefonmarketing, liefere im Erfolgsfall die Geräte für die Erstversorgung und rechne nach dem audibene-Preismodell mit Krankenkassen und Kunden ab. Verkäufer der Hörgeräte in der Erstversorgung sei audibene, Gerland übernehme Beratung, Anpassung und technische Dienstleistung vor Ort.

WSA betreibt in Deutschland nach öffentlicher Quellenlage keine stationäre Kette. Über audibene besitzt der Konzern aber einen direkten Zugang zum Endkunden. Wer den Kunden vor dem Laden erreicht, ist im Verkauf bereits im Raum, auch wenn ihm die Räume nicht gehören.

Honsigs Mailing trifft den Nerv der Branche

Das Juni-Mailing wirkt vor diesem Hintergrund doppelt interessant. Honsig schreibt darin: „Ich glaube an den partnerschaftlichen Ansatz.“ Er betont das Handwerk der Akustiker, die individuelle Beratung vor Ort und die fachliche Qualifikation. Dann grenzt er WSA klar ab: „Wir sind Hersteller, und bleiben Hersteller.“

Diese Botschaft ist klug gesetzt. Sie spricht unabhängige Betriebe in einem Moment an, in dem Demant mit KIND die deutsche Marktstruktur neu sortiert. Demant hatte im Juni 2025 die Übernahme der KIND Gruppe mit rund 650 Fachgeschäften für 700 Millionen Euro angekündigt; KIND betreibt laut Demant rund 600 Standorte in Deutschland, nach der Übernahme kommt Demant hier auf mehr als 900 Fachgeschäfte.

Honsig nennt im Mailing außerdem Lübeck, die biha und die EUHA. WSA verortet sich damit bewusst im institutionellen Kern des deutschen Hörakustik-Handwerks. Die Botschaft lautet: Wir stehen bei denen, die anpassen, beraten und Verantwortung tragen.

„Kein Retail in Deutschland“ ist als Filialaussage plausibel. Als Aussage über den gesamten Kundenzugang ist sie zu glatt.

Die Konkurrenz zeigt, wohin die Branche läuft

Die großen Anbieter bewegen sich seit Jahren entlang derselben Logik: näher an den Kunden, näher an die Daten, näher an die Marge.

Sonova betreibt im Geschäftsbereich Audiological Care über AudioNova und nationale Marken rund 3.600 Verkaufsstellen in 20 Kernmärkten und beschäftigt dort mehr als 7.000 Hörakustik-Fachkräfte. Der Konzern beschreibt ausdrücklich den Kontakt zum Verbraucher „from the very first moment of contact“, digital oder im Geschäft.

Demant hat mit KIND seinen Zugriff auf den deutschen Markt massiv ausgebaut. Amplifon geht den Weg aus der anderen Richtung: Der Retailkonzern hat im März 2026 eine verbindliche Vereinbarung zum Kauf des Hörgerätegeschäfts von GN Store Nord geschlossen. Der Wert liegt bei 17,0 Milliarden Dänischen Kronen, der Abschluss wird vorbehaltlich regulatorischer Freigaben bis Ende 2026 erwartet.

Manche Hersteller kaufen Retail. Manche Retailer kaufen Hersteller. Plattformen schieben sich zwischen Kunde und Fachgeschäft. Für unabhängige Akustiker entsteht daraus ein nüchterner Befund: Die wichtigste Ressource ist nicht allein das beste Gerät. Es ist die Beziehung zum Kunden, bevor sie ein anderer besitzt.

International zeigt WSA ein anderes Gesicht

Der globale Blick macht die deutsche Besonderheit sichtbar. WSA beschreibt sein Geschäft im Geschäftsbericht als multi-brand, multi-channel play, ausdrücklich mit Retail, Online, Managed Care und dem Netzwerk professioneller Hörakustiker. Auf der globalen Markenseite nennt WSA ebenfalls Retail Stores, Online Sales, Partnerprogramme und Managed Care.

In den USA gehört HearUSA zu WSA. HearUSA nennt mehr als 380 Center und ein Netzwerk von 4.000 Hearing Care Professionals über eigene Zentren und Partnerstandorte. In Australien und Neuseeland bezeichnet sich bloom hearing specialists selbst als „Retail Arm“ von WS Audiology und spricht von mehr als 200 hearing stores. In Kanada tritt HearCANADA mit mehr als 90 Standorten auf.

WSA ist ein Konzern, der seine Kanalstrategie je nach Land anpasst. In Deutschland ist der freie Fachhandel stark, dicht organisiert und für die Versorgung zentral. Dort lohnt sich das Versprechen der Partnerschaft. In anderen Märkten betreibt WSA Retail offener.

Die ehrliche Formel wäre enger und stärker

Die faire Bewertung lautet: WSA hält in Deutschland das Versprechen, keine eigene stationäre Hörakustik-Kette zu betreiben.

Die zweite Hälfte des Befunds ist unbequemer. Über audibene hat WSA auch in Deutschland einen digitalen Endkundenzugang, der wirtschaftlich mehr ist als bloße Vermittlung. Audibene beeinflusst den Erstkontakt, die Beratungserwartung, die Terminführung und in bestimmten Modellen auch Verkauf und Abrechnung. Das ist keine Filiale, aber ein Stück Retail-Macht.

WSA betreibt in Deutschland keine eigene stationäre Kette, ist über audibene jedoch direkt im digitalen Kundenzugang aktiv. Diese Aussage wäre weniger rund, aber tragfähiger.

WSA kann ein wichtiger Partner der unabhängigen Hörakustiker bleiben, gerade weil der Konzern den offenen Filialkonflikt in Deutschland meidet. Partnerschaft braucht aber klare Spielregeln. Wer besitzt den Lead? Wer bestimmt den Preis? Welche Daten fließen an wen? Wie frei bleibt die Produktempfehlung? Welche Rolle spielt der Partnerakustiker, wenn der Erstverkauf über eine Plattform läuft?

Honsigs Mailing endet mit #HörenIstKeinKinderspiel. Der Satz passt besser, als es vielleicht beabsichtigt war. Die deutsche Hörakustik ist ein Gesundheitsmarkt mit Handwerk, Vertrauen und langfristiger Betreuung. Genau deshalb verdient sie mehr als griffige Bekenntnisse. Sie verdient präzise Antworten.